Feria de Torrox · 30. Sep. – 4. Okt. 2026

Feria-Geschichten in Kohle gezeichnet

Sechsunddreißig kleine Geschichten von der Feria in Torrox, erzählt von denen, die sie aus nächster Nähe erleben: eine Laterne in der Sonne, ein abgebrochener Absatz, ein entlaufener Ohrring, ein nagelneues Mikrofon und eine vierjährige Flamenca mit einem Törtchen in der Hand. Und auch von denen, die das Fest möglich machen, während alle anderen es genießen.

Leseprogramm

Sechsunddreißig Geschichten, geordnet wie die Feria selbst: vom Vorabend bis zum Abschluss.

Mittwoch, 30. September

  1. Kein Zurück8:00 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt ein Kabelbinder
  2. Die Kugel, die nicht legen wollte9:30 · Complejo La GranjaEs erzählt eine Boulekugel
  3. Jedes Los gewinnt19:00 · Llano de la AlmazaraEs erzählt der Riesenpanda der Losbude
  4. Fünf, sechs, sieben, acht19:00 · Pl. de la ConstituciónEs erzählen die Probeschuhe einer Tanzlehrerin
  5. Die KastagnettenBei Einbruch der Dämmerung · Calle AltaEs erzählt, wer sie von der Großmutter geerbt hat
  6. Eine Krone ohne Besitzerin20:40 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt die Krone der Königin
  7. Dass bloß nichts rausfliegt21:30 · Llano de la AlmazaraEs erzählt die Leiter eines Elektrikers
  8. Vibrationen um halb elf22:30 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt das Mikrofon der Festrede
  9. Glühbirne Nummer 4.81723:00 · FestgeländeEs erzählt eine Glühbirne am Eingangsportal

Donnerstag, 1. Oktober

  1. Aufgeschlagen, nur für alle Fälle12:00 · Caseta del MayorEs erzählt die Notenmappe eines Seniorenchors
  2. Zurück an …14:00 · Caseta del MayorEs erzählt ein Klapptisch
  3. Gladiolen mit Schokoladenduft17:00 · Paseo de las MoreasEs erzählt eine Blumengabe
  4. Der begehrteste Stuhl beim Bolerazo18:00 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt ein Plastikstuhl
  5. Die Flucht des goldenen Rings18:00 · Caseta del MayorEs erzählt ein Filigran-Ohrring
  6. Eine Tasse für die Nachbarin18:30 · Caseta del MayorEs erzählt die Schöpfkelle der Chocolatada
  7. Die Rettung der TupfenAm Nachmittag · Calle CalzadaIn der Hauptrolle: Nieves, vier Jahre
  8. Test, ja, ja23:00 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt das Mischpult der Bühne
  9. Kurven wie auf Watte5:40 · Estación CentralEs erzählt das Lenkrad des Nachtbusses

Freitag, 2. Oktober

  1. Was der Reis sagt14:30 · Caseta del MayorEs erzählt die Riesenpaellapfanne
  2. Ein Bumm zur rechten Zeit16:30 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt die große Trommel einer Charanga
  3. Eine Stute mit viel Schwung17:00 · Von La Granja zum ConventoEs erzählt Duquesa, eine Apfelschimmelstute
  4. Chips, die zurückkommen20:00 · Llano de la AlmazaraEs erzählt das Kassenhäuschen des Autoscooters
  5. Berechnungen bei vierzig Grad Handgelenk22:15 · Cuesta de la AlmedinaEs erzählt Rocío, auf Keilabsätzen und mit Mieder
  6. Dinge mit Besitzer23:45 · Llano de la AlmazaraEs erzählt das Fundsachenheft der Ortspolizei

Samstag, 3. Oktober

  1. Als wäre nichts gewesen6:30 · Calle CalzadaEs erzählt die Kehrmaschine der Straßenreinigung
  2. Der Stier, der Angst vor Nadeln hatte16:30 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt ein aufblasbarer Stier
  3. Die Kapitulation um fünf Uhr nachmittags17:00 · Ein abgedunkeltes WohnzimmerEs erzählt eine Familie mitten im Waffenstillstand
  4. Pflaster mit Bildchen21:00 · Llano de la AlmazaraEs erzählt der Verbandskasten der Sanitätsstation
  5. Die Verschwörung der Vier Jahreszeiten22:20 · Calle CalzadaEs erzählt eine hungrige Clique in Eile
  6. Überlebender des SandbodensIm Morgengrauen · eine CasetaEs erzählt ein Spulenabsatz

Sonntag, 4. Oktober

  1. Die gebratene Wächterin14:00 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt die Laterne mitten auf dem Platz
  2. Liebe im Galopp und mit Händedruck17:00 · Complejo La GranjaEs erzählt, wer Lauras Hand hält
  3. Orange im Dienst20:00 · Paseo de las MoreasEs erzählt die Weste eines Freiwilligen des Katastrophenschutzes
  4. Aufgerollt und in Frieden22:30 · Beim ConventoEs erzählt der Schlauch des Feuerwehrautos
  5. Die Letzte, die aufsteigt22:30 · Beim ConventoEs erzählt die goldene Palme des Finales
  6. Over and out23:59 · Pl. de la ConstituciónEs erzählt das Funkgerät der Organisation

Erfundene Geschichten, inspiriert von der Stimmung der Feria: Sie erfassen nicht alle Veranstaltungen und nicht alle Menschen, die sie möglich machen. Danke an die Vereine, Peñas, Chöre, Tanzschulen, Bruderschaften, Clubs, Freiwilligen, Beschäftigten und Nachbarn, die diese Tage mit Leben füllen.

Mittwoch, 30. September

Vorabend: Gala, Festrede und Beleuchtung

Feria 2026 ich
Obere Ecke, links. Wenn man stark vergrößert, bin ich auf jedem Foto.

Es erzählt ein Kabelbinder

Kein Zurück

Plaza de la Constitución · Mittwoch, 8:00

Es ist acht Uhr morgens am Mittwoch, und die Plaza de la Constitución riecht noch nach Schlauchwasser. Unterwegs sind nur eine Straßenkehrerin bei ihrer dritten Runde und der Aufbautrupp. Und ich. Ich bin ein Kabelbinder: ein zwanzig Zentimeter langer Streifen schwarzer Kunststoff, mit winzigen Zähnchen auf einer Seite und einem kleinen eckigen Kopf an der Spitze. Ich komme in einer Tüte mit hundert Stück, alle gleich, bis jemand hineingreift und dich auswählt.

Mich hat Inma ausgewählt, die die Tüte neben einer Zange am Gürtel trägt. Sie steigt mit mir die Leiter hinauf bis ganz oben auf die Bühne, wo das Banner wartet: sechs Meter Plane mit roten Buchstaben, die die Feria de Torrox 2026 ankündigen.

Sie fädelt mich durch die Öse der Plane, legt mich um das Bühnenrohr und zieht. Zrrrip. Klick, klick, klick. Jedes Zähnchen rastet ein und kommt nie wieder heraus, denn Kabelbinder haben keinen Rückwärtsgang. Eine Schraube lockert sich; eine Mutter ändert mit den Jahren ihre Meinung. Wenn ein Kabelbinder Ja sagt, dann heißt das Ja.

Dann kommt die Zange. Inma schneidet mein überstehendes Ende direkt am Kopf ab, damit auf den Fotos kein hässliches Schwänzchen herausschaut. Das ist, als würde man beim Friseur nur die Spitzen schneiden lassen und mit Glatze herauskommen. Der Kabelbinder nebenan, auch ganz kurz, sagt, es stehe mir. Unter Kabelbindern halten wir sehr zusammen.

Von meiner Ecke aus sehe ich, wie der Platz aufgebaut wird. Zwei Kollegen von Inma stellen die Absperrgitter in eine Reihe, klong, klong, wie jemand, der Stühle für eine Hochzeit aufstellt. Ein Elektriker fährt im Korb der Hebebühne hoch, um die Scheinwerfer auszurichten, und fragt „Trifft’s dich da?“; von unten antwortet man ihm mit erhobenem Daumen. Eine Streife der Ortspolizei kommt vorbei, schaut kurz und setzt ihre Runde fort. Dann kommen Kaffee und Churros, und der Trupp versammelt sich fünf Minuten im Schatten des Lastwagens. Keine Minute länger.

Um halb neun kommt ein Nachbar mit einem Baguette unter dem Arm vorbei, bleibt stehen, legt den Kopf schief und verkündet:

„Das hängt schief.“

Jedes Dorf hat so einen Herrn; das ist ein öffentlicher Dienst. Inma steigt noch einmal hinauf und zieht an der rechten Ecke. Der Nachbar nickt zufrieden. Ich habe mich übrigens keinen Millimeter bewegt, nur fürs Protokoll.

Ich rechne nach: Auf dieser Bühne gibt es mehr als hundert Kabelbinder. Wir halten Kabel, Scheinwerfer, Girlanden, Banner und ein orangefarbenes Verlängerungskabel, von dem niemand weiß, wo es herkommt. Wenn wir eines Tages beschließen würden, alle gleichzeitig loszulassen, wäre die Gala ein Haufen Zeug auf dem Boden. Zum Glück wissen wir nicht, wie das geht.

Und heute Abend gibt es Arbeit. Um sieben die Gala der Feria, mit den Tanzschulen, die auf den Brettern steppen. Um zwanzig vor neun die Königinnen und der Mister. Um halb elf die Festrede. Um elf die Beleuchtung des Festgeländes; um Viertel nach elf die Raketen, und um halb zwölf der erste große Auftritt, mit Lautsprechern, die die Plane schütteln werden wie ein Laken auf der Wäscheleine.

Auf den Fotos von heute Abend werden die Kleider, die Kronen und das Konfetti zu sehen sein. Wenn jemand stark, sehr stark vergrößert, sieht er oben am Banner einen kleinen schwarzen Punkt. Das bin ich. Ich bin auf allen Fotos, und niemand erkennt mich. Genau wie den Aufbautrupp.

Um neun zieht Inma ein letztes Mal an der Plane, so wie man einem Kind am Schultor den Rucksack zurechtrückt. Ich halte. Sie nickt, steckt die Zange ein und geht mit den anderen weitere Gitter holen. Wenn die Feria vorbei ist, kommt sie zurück, um uns zu lösen: Einen Kabelbinder macht man nicht auf, man schneidet ihn durch. Damit habe ich mich abgefunden. Aber bis dahin kann der Ostwind blasen, so viel er will. Von hier bringt mich keiner weg.

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klonk! carreau
Sauberer Schuss. Die andere Kugel landete unter einer Bank, sichtlich mitgenommen.

Es erzählt eine Boulekugel

Die Kugel, die nicht legen wollte

Complejo La Granja · Mittwoch, 9:30

Um halb zehn am Mittwochmorgen, wenn halb Torrox noch schläft und die andere Hälfte Rüschen bügelt, bin ich schon eine Weile im Complejo La Granja, in einem kleinen Schottenkaro-Beutel, und stoße jedes Mal gegen meine beiden Schwestern, wenn mein Besitzer das Standbein wechselt. Ich bin eine Boulekugel. Verchromter Stahl, siebenhundert Gramm, Wettkampfrillen. Und eine Lebensaufgabe, die ich nie ganz akzeptiert habe: mich an die Zielkugel heranzulegen.

Die Zielkugel ist ein walnussgroßes Holzkügelchen, knallorange angemalt, das das ganze Turnier über stillliegt und sich wichtig macht. Alle schauen sie an. Alle messen sie aus. Und ich, die ich zwanzigmal so viel wiege, soll ihr wie ein Höfling meine Aufwartung machen. Hab ich aber keine Lust drauf.

Mein Besitzer heißt Antonio, ist vierundsiebzig Jahre alt, trägt eine Werbemütze eines Futtermittellagers und hat eine Technik, die er „die von meinem Vater“ nennt: in die Hocke gehen, ein Auge zukneifen, etwas murmeln, das wie ein Gebet klingt, und mich mit einer Drehung des Handgelenks loslassen. Gegenüber die gegnerische Mannschaft: zwei Brüder in gleichen Poloshirts, ernst wie in einem WM-Finale. Einer von ihnen hat einen Magneten an einer Schnur, um die Kugeln aufzuheben, ohne sich zu bücken. Spitzentechnologie.

Erster Wurf. Antonio wirft mich mit Gefühl. Ich, mit den besten Absichten der Welt, pralle an einem Steinchen ab, schlage einen Haken und bleibe zwei Handbreit vor der Zielkugel liegen, den Blick woandershin gerichtet. „Ach, zu lang!“, klagt er. Ich bin nicht zu lang, Antonio. Ich bin würdevoll.

Zweiter Wurf. Einer der Brüder legt eine Kugel so dicht an die Zielkugel, dass sie aussehen wie ein Liebespaar. Man hört dezenten Applaus. Ein Herr mit einer Thermoskanne Kaffee meint: „Die ist wie aus dem Lehrbuch.“ Ich, in meinem Exil, fühle etwas, das Neid sehr ähnlich ist.

Dann kommt der Moment, der meine Karriere verändert. Antonio nimmt die Mütze ab, kratzt sich am Kopf und sagt zu seinem Partner Pepe: „Hier muss man nicht legen. Hier muss man schießen.“ Und er nimmt mich. Mich. Er putzt mich mit einem Stofftaschentuch, pustet mich an, schaut mich fest an und flüstert: „Na komm, meine Schöne, heute fängt die Feria an.“

Schießen ist beim Boule das Gegenteil von Legen: Man zielt auf die Kugel des Gegners und schlägt sie mit einem sauberen Treffer weg. Das ist mein Ding. Das ist der Rock ’n’ Roll des Boule.

Ich verlasse seine Hand in einem perfekten Bogen, fliege durch die kühle Morgenluft, lande genau auf der verliebten Kugel und – klonk! Ich schicke sie auf einen Spaziergang bis zum Zaun, während ich genau an ihrer Stelle liegen bleibe, dicht an der Zielkugel, als läge ich da schon mein Leben lang. Die Kenner nennen das „carreau“. Bei mir zu Hause nennen wir es ausgleichende Gerechtigkeit.

Die Stille dauert eine halbe Sekunde. Dann ruft Pepe „Na bitte!“, der Herr mit der Thermoskanne verschüttet sich den Kaffee übers Hemd, und die Brüder mit den gleichen Poloshirts schauen sich an, als hätte man ihnen das Regelwerk ausgetauscht. Der mit dem Magneten braucht eine ganze Weile, um die vertriebene Kugel zurückzuholen. Er findet sie unter einer Bank, sichtlich mitgenommen.

Wir haben das Turnier nicht gewonnen. Wir wurden Dritte, hinter einer Mannschaft von Damen, die mit chirurgischer Präzision legten und zwischen den Würfen Magdalenas knabberten. Aber auf dem Heimweg, im kleinen Karobeutel, erzählte Antonio jedem, der ihm begegnete: „Hast du den Carreau gesehen? Die Kugel hat Talent.“

Jetzt ruhe ich auf der Kommode im Flur, zwischen den Schlüsseln und dem Arztheft. Meine Schwestern sagen, ich sei eingebildet. Mag sein. Aber dieses Jahr bin ich zum ersten Mal an die Zielkugel herangekommen. Auf meine Art.

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JEDES LOS GEWINNT! vier Ferias
Vier Ferias oben im Regal. Eine Großmutter und ein Los.

Es erzählt der Riesenpanda der Losbude

Jedes Los gewinnt

Festgelände, Llano de la Almazara · Mittwoch, 19:00

Ich sitze seit vier Ferias ganz oben in der Losbude auf dem Llano de la Almazara. Vier. Ich bin ein Panda, einen Meter zwanzig groß, mit roter Fliege und einem aufgestickten Lächeln, das mit den Jahren etwas starr geworden ist. Auf dem Schild der Bude steht in Neonbuchstaben: „JEDES LOS GEWINNT!“. Und das stimmt. Jedes Los gewinnt. Nur gewinnt nie jemand mich.

Man gewinnt den Delfin-Schlüsselanhänger. Man gewinnt den bunten Kamm. Man gewinnt das Set Plastikbecher mit Obstmotiven, das eine verdächtig hohe Trefferquote hat. Man gewinnt eine quietschende Gummiente, die öfter den Besitzer gewechselt hat als ein Fünf-Euro-Schein. Aber den Panda nicht. Der Panda ist der Traum. Der Panda sitzt da oben, damit die Leute weiter Lose kaufen.

Heute ist Mittwoch, Kindertag. Die Fahrgeschäfte kosten weniger und laufen bis neun Uhr abends ohne Lärm, was etwas sehr Schönes ist: Die Karussells drehen sich, steigen und sinken in Stille, mit eingeschalteten Lichtern und lachenden Kindern, und endlich hört man, was die Leute sagen. Obwohl das an einer Losbude nicht immer eine gute Idee ist.

„Papa, der Panda!“

Da haben wir’s. Es geht los. Ein Junge von etwa sechs Jahren, als Tiger geschminkt, zeigt mit dem Finger auf mich. Der Vater schaut nach oben, schaut auf das Schild, schaut ins Portemonnaie und stellt eine Kopfrechnung an, die man ihm an der Stirn ansieht. Er kauft fünf Lose. Schlüsselanhänger, Kamm, Kamm, Becher, Gummiente. Er kauft fünf weitere. Schlüsselanhänger, Schlüsselanhänger, ein Kuli mit Feder, Becher und ein Kühlschrankmagnet in Form eines Flipflops. In der dritten Runde taucht hinter ihm die Mutter mit zwei Zuckerwatten auf und einem Blick, der das Mittelmeer gefrieren lassen könnte.

„Wie viel hast du schon ausgegeben?“

„Wenig“, sagt er.

Es sind zwanzig Euro. Ich weiß es, denn von hier oben weiß ich alles.

Am Ende geht der Junge mit einem Delfin-Schlüsselanhänger, einem Kamm, zwei Bechersets und der Gummiente, die er schon Paco getauft hat. Und er geht glücklich. Viel glücklicher, als wenn er mich gewonnen hätte, denn ich hätte nicht ins Auto gepasst. Der Vater sieht mich ein letztes Mal an, mit einer Mischung aus Groll und Respekt. Bis nächstes Jahr, Champion.

Der Nachmittag vergeht. Es kommen Pärchen, Cliquen und ein Herr, der versichert, „das ist doch manipuliert“, und zehn Lose kauft, um es zu beweisen. Er gewinnt einen Kamm. Er geht zufrieden, Theorie bestätigt.

Und dann, fast um neun, als die Fahrgeschäfte gleich wieder Lärm machen, kommt eine Großmutter. Ganz klein, mit einer riesigen Handtasche und einer Enkelin an der Hand. Sie fragt nicht nach dem Panda. Sie schaut mich nicht einmal an. Sie kauft ein einziges Los, „zum Probieren“, und öffnet es mit den Fingernägeln, langsam, ohne Brille.

Der Schausteller liest es zweimal. Ihm fällt das Mikrofon herunter. Er hebt es auf. Er räuspert sich.

„Meine Damen und Herren, der Paaaandaaaa!“

Die ganze Losbude dreht sich um. Die Enkelin schreit. Die Großmutter, die nichts mitbekommen hat, fragt: „Was hab ich denn gewonnen, Kind?“ Und mich holt man mit einem Haken von oben herunter, nach vier Ferias, unter Applaus, wie einen Astronauten, der zur Erde zurückkehrt.

Die Enkelin trägt mich, sie ist genauso groß wie ich, also gehen wir eher Arm in Arm, schwanken über das Gelände und weichen Beinen aus. Als wir am Autoscooter vorbeikommen, sieht uns der Junge mit dem Tigergesicht, und ihm entfährt ein „Oh!“. Paco, die Ente, quietscht.

Jetzt wohne ich in einem Sessel in einem Haus im Ort, mit einer Decke über den Beinen. Sie nennen mich Don Panda. Nicht sehr originell, aber meiner. Und jedes Mal, wenn jemand zur Tür hereinkommt, sagt die Großmutter: „Den habe ich auf der Feria gewonnen. Mit einem einzigen Los.“

Jedes Los gewinnt. Man musste nur warten.

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5, 6, 7, 8
Hinter dem Vorhang wird auch getanzt. Ganz klein, damit es keiner merkt.

Es erzählen die Probeschuhe einer Tanzlehrerin

Fünf, sechs, sieben, acht

Plaza de la Constitución · Mittwoch, 19:00

Wir sind die Probeschuhe der Lehrerin. Leinen, das einmal rosa war, geteilte Sohle, damit sich der Fuß schön biegen kann, und ein Flicken Panzerband an der Spitze, der längst zu unserer Persönlichkeit gehört. Heute um sieben Uhr abends beginnt die Gala der Feria auf der Plaza de la Constitución, und wir sind da, wo wir immer sind: seitlich an der Bühne, hinter dem schwarzen Vorhang, wo kein einziger Scheinwerfer hinkommt.

Wir proben seit Juli im Studio: eine Spiegelwand, ein kleiner Handabdruck auf Kniehöhe und ein Ventilator, der den Kopf dreht, als sage er zu allem Nein. Vor diesem Spiegel waren die Vierjährigen; die Zwölfjährigen, die mehr ins Glas als auf die Lehrerin schauen; drei Jungs, die ihre Schwestern begleitet haben und jetzt als Erste kommen; und die Dienstagsgruppe, Leute, die mit der Rente angefangen haben zu tanzen und nicht einmal am Zahnarzttag gefehlt haben.

Die Lehrerin korrigiert mit kurzen Sätzen. „Das Kinn.“ „Arme – ihr hängt keine Wäsche auf.“ „Schaut ins Publikum, der Boden kennt den Tanz schon.“ Und wir hinterher: fünf, sechs, sieben, acht, derselbe Schritt hundertmal, bis er uns an der Sohle klebt wie ein Ohrwurm.

Und dann ist da Alba: fünf Jahre, eine Schleife so groß wie eine offene Hand und eine eigene innere Uhr, die immer einen halben Takt hinterhergeht. Wenn die Gruppe sich dreht, überlegt Alba noch. Wenn die Gruppe fertig ist, dreht sie die letzte Runde allein, ganz ernst, mit der Zungenspitze zwischen den Lippen. Und die Lehrerin applaudiert, als wäre alles perfekt gewesen. Wenn jemand fragt, ob man sie nicht korrigieren sollte, antwortet sie, ohne aufzuhören zu zählen: „Den Takt lernt man. Was sie mitbringt, nicht.“

Heute sind wir nicht allein. Hinter der Bühne versammeln sich alle Tanzschulen und Tanzgruppen des Ortes, und auf Bodenhöhe ist das eine Schuhversammlung: Flamencoschuhe mit Nägeln, die sogar im Stehen klackern, blütenweiße Turnschuhe für Modern Dance mit wie gebügelten Schnürsenkeln, Espadrilles mit Bändern für die traditionellen Tänze. Alle auf demselben Stückchen Boden, und keiner tritt dem anderen auf die Füße.

Auch die Nervosität kann man hören. Ein Mädchen geht leise die Choreografie durch. Ein Junge bindet sich zum vierten Mal die Schuhe. Eine Mutter sucht das Haargummi, das sie am Handgelenk trägt. An jeder Seite steht eine Lehrerin, und alle machen dasselbe wie unsere: tief durchatmen, ein Kuss auf die Stirn und ein „Genießt es“, gesagt wie ein Befehl.

Die Musik beginnt, und sie gehen hinaus. Und jetzt kommt, was keiner weiß: Wir tanzen auch. Hinter dem Vorhang markiert die Lehrerin jeden Schritt mit den Füßen, ganz klein. Fünf, sechs, sieben, acht. Wenn sie sich drehen, drehen wir uns. Wenn sie die Arme heben, hebt sie ihre halb, als würde sie aus der Ferne helfen.

Bei der letzten Drehung bleibt Alba allein, einen halben Takt hinterher, wie immer. Aber heute schaut ein ganzer Platz zu. Sie beendet ihre Drehung, bleibt stehen und breitet die Arme aus. Und die Plaza de la Constitución tut, was die Lehrerin seit Juli tut: Sie applaudiert, als wäre es perfekt gewesen. Denn es war perfekt.

Beim Verbeugen ziehen die Kleinen die Lehrerin auf die Bühne. Sie wehrt sich, aber nur ein bisschen. Und so betreten wir zum ersten Mal die Bretter, das Panzerband für alle sichtbar, vor dem halben Ort. Niemand schaut uns an, natürlich. Alle schauen auf die Lehrerin, die weint und sagt, das komme von den Scheinwerfern.

Danach kommen die Wahl der Königinnen und des Misters und die Preise, aber das ist eine andere Geschichte. Im November ist die erste Probe. Alba hat schon angekündigt, dass sie nächstes Jahr pünktlich ist. Die Lehrerin hat ihr gesagt, sie solle sich nicht beeilen, wir warten auf sie.

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klack!
Calle Alta. Die Kordel war einmal rot; der Wirbel ist es noch.

Es erzählt, wer sie von der Großmutter geerbt hat

Die Kastagnetten

Calle Alta · Mittwoch, bei Einbruch der Dämmerung

Die Kastagnetten aus dunklem Holz waren seit Jahren stumm und hingen an einem Haken am Rahmen des Fensters zur Calle Alta. Gehalten von einer roten Kordel, die die Sonne von Torrox ausgebleicht hatte, waren sie zu einer weiteren Dekoration geworden, auf einer Stufe mit dem Apothekenkalender und dem Keramikteller, den niemand abzunehmen wagt. Sie gehörten meiner Großmutter. Und meine Großmutter, Gott hab sie selig und lasse sie im Himmel tanzen, spielte sie wie Maschinengewehrsalven: Bei den Hochzeiten im Dorf hieß es, wenn man sie in die Nähe der Band setzte, werde der Schlagzeuger depressiv.

Jeden Oktober, wenn die Trompeten und Trommeln der Feria den Hang hinunter zum Platz dröhnten, wurde dieses Zimmer stiller denn je. Draußen Raketen, Charangas und ein Herr, der einen Lautsprecher mit dem ewigen „Ja, ja, Test, eins, zwei“ ausprobierte. Drinnen zwei Holzstücke, die mich vom Fenster aus ansahen wie ein Hund, der weiß, dass heute kein Spaziergang ansteht.

An jenem Feria-Nachmittag schlich sich der Wind vom Meer ziemlich unhöflich zwischen die Geranientöpfe. Die Böe stieß das lackierte Holz gegen den Rahmen: ein trockenes, ungeschicktes, aber klares Klack. Nur eins. Aber in Torrox ist ein Klack mitten in der Feria eine Absichtserklärung.

Unten stieg eine Gruppe Nachbarinnen in gepunkteten Kleidern lachend den Hang hinauf, auf dem Weg zum Tanz, die Fächer in Kampfstellung. Als sie das Klacken hörte, blickte Paqui – die ein Gehör für den Takt hat, um das sie das Konservatorium beneiden würde – hoch, klatschte schnell in die Hände und rief zum Balkon hinauf:

„Na los, lass den Wirbel hören, es ist Feria!“

„Das war der Wind!“, antwortete ich und beugte mich hinaus.

„Dann soll der Wind runterkommen und tanzen, hier ist Platz genug!“, legte eine andere nach, und die übrigen krümmten sich vor Lachen über ihre Rüschen.

Ich betrachtete die Kastagnetten. Sie betrachteten mich. So kam es mir jedenfalls vor – in Feria-Zeiten darf man nichts trauen. Ich nahm sie vorsichtig ab, löste den Knoten der Kordel und streifte mir die Schlaufen über die Daumen. Ich hatte es seit Ewigkeiten nicht mehr versucht. Das letzte Mal, mit neun, rutschte mir eine aus der Hand und traf die Katze mitten auf den Rücken. Die Katze betrat das Zimmer erst zu Ostern wieder.

Ich holte tief Luft. Ich erinnerte mich an die Stimme meiner Großmutter: „Der Wirbel beginnt im kleinen Finger, nicht in der Angst.“ Und ich schlug den ersten Ton an.

Er kam sauber heraus. Trrriá. In die laue Abendluft, als hätte das Holz jahrelang auf das Zeichen gewartet.

Von der Straße kam ein Beifall, größer als bei der Festrede. Die Nachbarinnen jubelten, jemand rief „Olé, deine Großmutter!“, was genau genommen haargenau passte, und ein kleiner Junge, der mit einem SpongeBob-Ballon vorbeiging, blieb mit offenem Mund stehen. Ich legte los und hängte noch einen Wirbel an, dann einen holprigeren und dann einen, von dem ich nicht einmal weiß, wie er heißt, der für mich aber himmlisch klang.

Das Holz, warm von der Sonne, war keine Trauerdekoration mehr. Es hatte seine Stimme wieder. Und die Erinnerung, die jahrelang Kummer gewesen war, zog sich das Tupfenkleid an und ging hinaus auf die Straße.

Als die Lampions der Calle Alta einer nach dem anderen aufleuchteten, ging ich schon hinter den Nachbarinnen den Hang hinunter, die Kastagnetten an den Daumen und ein Grinsen von einem Ohr zum anderen. Unterwegs begegnete ich der Katze, die aus dem Nachbarfenster schaute. Sie sah mich voller Groll an. Manche Wunden heilt nicht einmal die Feria.

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Glitzer!
Glitzer geht nie weg. Glitzer ist für immer.

Es erzählt die Krone der Königin

Eine Krone ohne Besitzerin

Plaza de la Constitución · Mittwoch, 20:40

Seit sieben Uhr abends liege ich auf einem granatroten Samtkissen hinter der Bühne auf der Plaza de la Constitución, umgeben von Kabeln, Wasserflaschen und einer Dame vom Organisationsteam, die mich alle fünf Minuten ansieht, als könnte ich weglaufen. Ich laufe nicht weg. Ich bin eine Krone. Ein Diadem, um genau zu sein: silberfarbenes Metall, zwölf Steinchen, die funkeln, als wären sie echt, und eine Schicht Glitzer, die mir gestern jemand draufgestreut hat, „damit es im Scheinwerferlicht glänzt“. Der Glitzer ist übrigens schon überall: auf dem Kissen, auf dem Tisch und im Schnurrbart des Lichttechnikers. Glitzer geht nie weg. Glitzer ist für immer.

Heute Abend ist die Gala der Feria, und um zwanzig vor neun werden die Königinnen und der Mister 2026 gewählt. Ich weiß noch nicht, auf welchem Kopf ich lande, und für eine Krone ist das, als wüsste man nicht, in welchem Haus man den Rest des Jahres wohnt.

Vom Kissen aus sehe ich alles. Ich sehe die Kandidatinnen, die ihr Make-up mit dem Handy als Spiegel nachbessern, tief durchatmen und sich gegenseitig mit einer Verbundenheit Mut machen, um die sie viele beneiden würden. Ich sehe eine Mutter, die einen Dutt richtet, drei Haarnadeln zwischen den Zähnen. Ich sehe einen Großvater, der sich mit der Ausrede, „eine Flasche Wasser zu bringen“, hinter die Bühne geschlichen hat und seit zwanzig Minuten nicht geht, aufgeregter, als wäre er selbst der Kandidat.

Und ich sehe die Kandidaten für den Mister. Einer übt sein Lächeln vor einem ausgeschalteten Lautsprecher. Ein anderer murmelt, was er sagen wird, wenn er gewinnt. Und alle schielen zu mir herüber, mit einem Neid, den ich gut kenne: Der Mister bekommt eine Schärpe, und eine Schärpe ist, unter uns gesagt, nicht dasselbe. Eine Schärpe ist ein Accessoire. Ich bin eine Institution.

Die Tanzschulen legen los, und die Bühne bebt. Mein Kissen vibriert. Meine Steinchen klimpern. Die Dame vom Organisationsteam hält mich mit der Hand fest, sicherheitshalber, und ich nutze die Gelegenheit, ihr noch ein bisschen Glitzer zu schenken. Sie wird bis Weihnachten an mich denken.

Dann kommt der Moment. Die Moderatorin hebt die Stimme. Der obligatorische Trommelwirbel ertönt, der auf allen Galas der Welt gleich klingt, als gäbe es einen einzigen Trommler, der für den ganzen Planeten engagiert ist. Die Spannung ist mit Händen zu greifen. Eine Kandidatin drückt einer anderen die Hand. In der ersten Reihe ruft jemand einen Namen, und der halbe Ort macht „Pssst!“.

Der Name wird verkündet. Applaus, Schreie und eine Gruppenumarmung auf der Bühne, die mich fast vom Kissen wirft. Hände heben mich hoch, tragen mich ins Licht, und zum ersten Mal in meinem Leben sehe ich den ganzen Platz von vorn. Hunderte Handys auf mich gerichtet. Lampions. Ein kleiner Junge auf den Schultern seines Vaters mit einer Zuckerwatte, größer als sein Kopf.

Ich lande auf einer Frisur mit so viel Haarspray, dass sie hält wie eine Stadtmauer. Ich rutsche an meinen Platz. Ich kippe ein wenig nach links. Die Königin lacht, hält mich mit der Hand fest und flüstert ihrer Nachbarin zu: „Wenn die runterfällt, sterbe ich.“ Ich falle nicht runter. Haarspray-Frisuren sind meine Spezialität.

Von oben sehe ich den Mister, der glückstrahlend seine neue Schärpe trägt, den Großvater mit dem Wasser, der hemmungslos weint, und die Dame vom Organisationsteam, die sich resigniert Glitzer aus den Haaren schüttelt.

Mich erwartet ein Jahr voller Termine, Fotos, Umzüge und hier und da ein Schuhkarton. Aber heute Abend, ganz oben auf der Plaza de la Constitución, mit der ganzen Feria zu meinen Füßen, weiß ich, auf welchem Kopf ich wohne. Und ich glänze. Und wie ich glänze.

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klick!
Sieben Stufen und eine rebellische Glühbirne. Jetzt ist sie die bravste der Straße.

Es erzählt die Leiter eines Elektrikers

Dass bloß nichts rausfliegt

Festgelände, Llano de la Almazara · Mittwoch, 21:30

Ich bin eine Stehleiter. Sieben Stufen, Beine aus gelbem Glasfaser und oben ein Aufkleber, der verbietet, auf die letzte Stufe zu steigen. Ich bin nicht aus Aluminium, weil Elektriker nichts trauen, was leitet. Ich leite nicht einmal den Transporter: Ich reise auf dem Dachträger, festgezurrt mit zwei Spanngurten.

Mittwoch, halb zehn abends, und meine Beine stecken im Sandboden des Llano de la Almazara. Noch anderthalb Stunden bis zum Einschalten. Die Fahrgeschäfte haben die Musik schon hochgedreht – bis neun laufen sie leise –, und die Kinder vom Kindertag rennen vom Karussell zum Autoscooter. Das Festgelände dagegen liegt noch im Dunkeln: Tausende Glühbirnen warten, und vier Elektriker mit Stirnlampen prüfen, dass sie nicht umsonst warten.

Das große Eingangsportal ist nicht meine Sache. Das prüfen sie vom Kran aus, der sich sehr wichtig nimmt, weil er überall hinkommt. Die vom Kran sagen, dort oben, dritte Reihe links vom Wappen, gebe es eine Glühbirne, die ständig fragt, ob ihr Gelb steht. Mir bleibt, was nicht auf die Fotos kommt: Schaltkästen, Girlanden, kleine Bögen, die Steckdosen der Buden.

Seit fünf Uhr nachmittags ist Lucía dreiundfünfzigmal auf mich gestiegen. Ich habe mitgezählt; das ist das Einzige, was eine Leiter tun kann, während man auf ihr steht. Hoch, schauen, eine Klemme anziehen, runter, mich zusammenklappen, auf die Schulter nehmen und zehn Meter weiter wieder aufstellen. Hinter ihr geht Andrés, der Truppführer, mit einem Notizbuch und einem Prüfgerät, das piept wie ein Vögelchen. Ihm knackt vom vielen Bücken das Knie. Mir das Scharnier. Wir verstehen uns.

Ein Junge mit einem Delfinballon fragt Lucía, ob sie diejenige ist, die die Feria einschaltet. „Ich sorge dafür, dass etwas passiert, wenn jemand sie einschaltet“, antwortet sie. Der Junge beschließt, dass das Erwachsenenkram ist, und rennt davon.

Um Viertel nach zehn taucht die Rebellin auf: eine Glühbirne in der Girlande, die über die Budenstraße führt, genau über den gebrannten Mandeln. Beim Test geht sie an, geht aus, geht wieder an und überlegt es sich noch.

„Die will uns auf den Arm nehmen“, sagt Andrés.

Zuerst wird der Strom abgeschaltet. Immer. Das ist das Erste, was eine Elektrikerleiter lernt, noch vor ihrer Seriennummer. Andrés legt den Hebel um, stellt mir den Stiefel auf den Fuß, das ist unsere Art, uns die Hand zu geben, und Lucía steigt hinauf. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs. Sie dreht sie heraus, schaut und lacht: „Die ist nicht durchgebrannt, die ist locker.“ „Wie wir alle um diese Uhrzeit“, antwortet Andrés. Eine Vierteldrehung, Hebel hoch, und die Rebellin leuchtet ruhig, ganz brav, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Hebel wieder runter: Ihre Zeit ist noch nicht gekommen.

Um Viertel vor elf klappen sie mich zusammen und lehnen mich an den Transporter, zwischen eine Kabelrolle und eine Thermoskanne mit längst kaltem Kaffee. Die Leute kommen zum Portal: Kinderwagen, Cliquen, Familien mit der Strickjacke, falls es kühl wird. Niemand schaut hierher. Vier Warnwesten im Dunkeln sind kein großes Spektakel.

Um elf ertönt der Countdown, und die Feria leuchtet von unten nach oben auf. Man hört einen endlos langen Applaus. Berufsgeheimnis: Elektriker schauen nicht auf die Lichter. Sie schauen auf den Schaltkasten. Andrés hat die Taschenlampe auf den FI-Schalter gerichtet, wie jemand, der auf einen Elfmeter wartet. Eins, zwei, drei Sekunden. Nichts fliegt raus.

Jetzt aber. Andrés schaltet die Lampe aus, Lucía nimmt den Helm ab, und die vier schauen nach oben, mit dem kleinen Lächeln derer, die wissen, wie oft sie hinaufgestiegen sind, damit das hier passiert. Niemand applaudiert ihnen. Ist ihnen egal. Lucía klopft mir zweimal auf den Holm: „Gute Arbeit, Kollegin.“

Um Viertel nach elf steigen die Raketen. Für heute sollen andere steigen.

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Die Feria soll beginnen!
22:30. Eine Festrede mit vielen Stimmen und einem einzigen Mikrofon.

Es erzählt das Mikrofon der Festrede

Vibrationen um halb elf

Plaza de la Constitución · Mittwoch, 22:30

Ich bin vor kaum vierzig Minuten aus dem Pappkarton gekommen. Ich rieche noch nach neuem Plastik, frisch aufgerissener Versiegelung und Kabel, das noch nie Strom gekostet hat. Mein Arbeitsleben begann ohne Probezeit und ohne Einlaufphase: Im Handumdrehen ging es aus der Dunkelheit eines Lagers hinauf auf einen Metallständer, wo ich über der Hauptbühne der Plaza de la Constitución throne. Vom Regal zum Star an einem Nachmittag.

Es ist halb elf am Mittwochabend. Von dieser Höhe hinunterzuschauen verschlägt einem den Atem, obwohl ich technisch gesehen gar nicht atme. Der Platz ist zu einer Menschenflut geworden, die die Gassen von Torrox zu überschwemmen droht. Hunderte Köpfe drängen sich unter den Glühbirnenketten, die Papierlampions zittern in der Meeresbrise, und das Gemurmel der Menge steigt in dichten Wellen auf, schwer vom Duft gebrannter Mandeln und frisch frittierter Churros. Alle Augen des Ortes zielen schnurgerade dorthin, wo ich stehe.

Eben hat mir der Tontechniker zwei kurze Stupser mit der Daumenkuppe gegeben, um zu prüfen, ob ich reagiere. Pomm, pomm. Es dröhnte in meiner Membran wie ein Steinwurf, und ich fürchtete, die Lötstellen am Fuß würden live auseinanderfallen. Dann hat er gepustet. Gepustet. Wer hat diesem Mann beigebracht, dass man in ein Mikrofon pustet? Ich hielt stand, ohne die kleinste Rückkopplung, mit der Würde dessen, der eine Mission hat.

Um Viertel nach zehn werde ich richtig eingeweiht: Der Festbeauftragte und der Bürgermeister kommen auf die Bühne, um die Begrüßung zu sprechen, und ich halte mich wie ein Veteran. Aber das Große kommt danach. Um halb elf die Festrede. Und dieses Jahr hält sie nicht eine einzelne Person: Es hält sie eine ganze Trachten- und Tanzgruppe des Ortes, vollzählig.

Sie kommen im Gänsemarsch auf die Bühne, in Festtracht, die Tücher ordentlich umgelegt, die Kastagnetten schauen aus den Taschen, und diese Mischung aus Vorfreude und Nervosität sieht man sogar an den Absätzen. Es sind viele. Ich bin eins. Ich rechne nach und bekomme kalten Schweiß: Wenn jeder bis auf drei Millimeter an meinen Korb herankommt, brauche ich nach heute Abend Urlaub.

Die Rede wandert von Hand zu Hand. Eine Stimme erzählt, wie die Feria früher war, mit Papierlampions und Tanz bis zum Morgengrauen. Eine andere erinnert an die, die nicht mehr da sind, und der ganze Platz verstummt. Eine andere erzählt eine Anekdote, bei der sogar der Tontechniker lacht. Ich springe von Hand zu Hand wie der Stab in einem Staffellauf, und in jeder Hand spüre ich einen anderen Puls: Eine zittert, eine drückt zu, und eine hält mich mit so viel Zärtlichkeit, dass ich fast gerührt bin.

Gegen Ende klopft jemand mit den Knöcheln den Takt auf das Pult. Die Kastagnetten setzen ein. Und die ganze Gruppe stimmt mehrstimmig eine Copla aus der Gegend an, die wie ein Sturm in meinen Korb fährt und aus den Lautsprechern als etwas herauskommt, das ich nicht erklären kann. Zum ersten Mal in meinem kurzen Leben verstehe ich, wozu ein Mikrofon da ist: nicht damit man lauter hört, sondern damit man alle gleichzeitig hört.

Dann kommen alle näher, drängen sich um meine silberne Kuppel, holen gemeinsam Luft und rufen im Chor:

„Liebe Nachbarinnen und Nachbarn von Torrox, die Feria soll beginnen!“

Der Impuls schießt wie ein Blitz durch meine Kupfersäule zu den Lautsprechern auf dem Platz. Die Menge bricht in einhelligen Jubel aus, mit Klatschen, Pfiffen und Hochrufen, dass meine Schaltkreise zittern. Jemand lässt eine Rakete los. Ein Baby wacht auf. Eine Großmutter in der ersten Reihe ruft „Ihr Hübschen!“, und ich weiß nicht, ob sie die anderen meint oder mich.

Meine Feuertaufe war ein durchschlagender Erfolg. Von diesem Augenblick an geht die Stimme eines ganzen Ortes durch meine Kehle: Festreden, Verlosungen, Durchsagen über verlorene Kinder und hin und wieder ein „Bitte das falsch geparkte Auto wegfahren“. Ich bin das Mikrofon der Festrede. Und ich werde durchhalten bis zum letzten „¡Viva Torrox!“.

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4.816 Nr. 4.817 ohhh!
Das Portal, Punkt elf Uhr. Die 4.816 zwinkert.

Es erzählt eine Glühbirne am Eingangsportal

Glühbirne Nummer 4.817

Eingangsportal des Festgeländes · Mittwoch, 23:00

Ich bin die Glühbirne Nummer 4.817 am Eingangsportal des Festgeländes, dritte Reihe von oben, links vom Wappen. Kein glanzvoller Posten, zugegeben. Die in der Mitte kommen auf alle Fotos. Aber von hier oben auf dem Llano de la Almazara sieht man die ganze Feria: die Fahrgeschäfte, die Turrón-Stände, das schlafende Riesenrad und ein Meer von Menschen, die darauf warten, dass wir angehen.

Denn heute Abend um elf schalten sie uns ein. Die Obrigkeit. Mit Rede und allem. Und für eine Feria-Glühbirne ist das wie der Debütantinnenball.

Wir hängen seit einer Woche hier. Eine Woche Westwind, neugierige Möwen und Arbeiter auf einem Kran, die Dinge sagen wie „Die Reihe kriegt keinen Strom“ oder „Klopf mal drauf, mal sehen“. Mir haben sie zweimal draufgeklopft. Hat funktioniert. Mehr sage ich dazu nicht.

Neben mir hängt die 4.818, die sehr nervös ist. Den ganzen Nachmittag fragt sie, ob man ihren Glühfaden sieht, ob ihr Gelb steht und ob man sie womöglich gegen eine von diesen modernen austauscht. „Die modernen haben keine Seele“, sage ich ihr, obwohl wir technisch gesehen beide modern sind. Man muss die Leute aufmuntern.

Um halb elf läuft ein Gerücht durch das Kabel, wie ein Schwachstrom. Der Bürgermeister sei schon auf dem Platz. Der Stadtrat habe die Rede in der Tasche. Es gebe einen Knopf. Einen dicken roten Knopf, heißt es, wie im Film. Die 4.818 ist überzeugt, dass wir alle explodieren, wenn sie falsch drücken. Ich erkläre ihr, dass es so nicht funktioniert. Sie glaubt mir nicht. Die 4.816 auf der anderen Seite sagt nichts: Sie ist seit Dienstag durchgebrannt, und keiner hat es bemerkt. Sie erlebt die Feria im Dunkeln, mit bewundernswerter Würde.

Unten beginnen die Leute nach oben zu schauen. Kinder mit Luftballons. Händchen haltende Pärchen. Eine Clique Jungs mit heraushängenden Hemden macht Fotos vom dunklen Portal, „für vorher und nachher“. Eine Frau mit Kinderwagen sagt zu ihrem Mann: „Dieses Jahr haben sie mehr Birnen aufgehängt“, und ich platze vor Stolz, obwohl wir dieselben sind wie letztes Jahr.

Der Moment ist da. Es wird seltsam still, wie wenn im Kino das Licht ausgeht. Jemand beginnt den Countdown. Zehn, neun, acht … Ich spüre ein Kribbeln im Gewinde. Sieben, sechs … Die 4.818 schreit: „Ich will nicht!“ Fünf, vier … Ein riesiger Nachtfalter setzt sich genau jetzt auf mich, wie ein Fan, der sich auf die Bühne schleicht. Drei, zwei …

Eins.

Der Strom durchfährt mich auf einen Schlag, vom Gewinde bis zur Spitze. Wir gehen alle gleichzeitig an, als Kaskade, von unten nach oben, als würde das ganze Portal atmen. Unten hört man ein endlos langes „Ohhh!“, ein Feria-„Ohhh“ wie eh und je, und danach einen Applaus, der bis zum Riesenrad reicht. Der Nachtfalter schießt geblendet davon, um sein Leben zu überdenken.

Die 4.818 leuchtet wie nie zuvor. Ich glaube, sie weint ein bisschen, obwohl das bei einer Glühbirne wie ein Lichtreflex aussieht. „Sehe ich gut aus?“, fragt sie. „Du bist wunderschön“, sage ich. Und das stimmt.

Die Einzige, die noch aus ist, ist die 4.816. Aber sieh mal an: Zwischen so viel Licht hat auch eine dunkle Lücke ihren Reiz. Ein kleiner Junge zeigt auf sie und sagt zu seiner Mutter: „Schau, die zwinkert.“

Und so bleiben wir fünf Nächte hintereinander und beleuchten Küsse, Stolperer, Churros und Wiedersehen. Dritte Reihe, links vom Wappen. Wenn ihr am Portal vorbeikommt, winkt mal. Ich werde euch sehen.

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Donnerstag, 1. Oktober

Erster Feria-Tag

für alle Fälle
Aufgeschlagen auf Seite sieben; gesungen wurde Nummer drei. Niemand schaut hinein, aber sie muss dabei sein.

Es erzählt die Notenmappe eines Seniorenchors

Aufgeschlagen, nur für alle Fälle

Caseta del Mayor, Jardines de Picasso · Donnerstag, 12:00

Man nennt mich „die Notenmappe“, und ich lasse es mir gefallen. Aber Noten, richtige Noten, habe ich keine einzige: kein Notensystem, keinen Violinschlüssel. Ich trage Texte. Zweiunddreißig Sevillanas und Rumbas in Fettdruck, jede in ihrer eigenen Klarsichthülle, und einen blauen Rücken mit einem Sonnenblumenaufkleber, der sich seit zwei Ferias ablöst.

Was ich wirklich trage, ist Bleistift. Ein Jahr Proben am Rand notiert. „Hier atmen.“ „NICHT hetzen“, zweimal unterstrichen. „Zweite Reihe setzt ein.“ Ein Pfeil, von dem ich nicht weiß, wohin er zeigt. Und auf Seite elf der Rand eines Milchkaffees vom Februar, der inzwischen zum Lied gehört. Der Bleistift wohnt an meinem Ring, den Radiergummi abgenutzt vom vielen Umentscheiden.

Ich gehöre Loli. Loli kann alle Texte. Vorwärts, rückwärts und mit geschlossenen Augen, und so singt sie auch. Seit März hat sie bei keiner Probe in mich hineingeschaut. Aber sie geht nicht zum Singen hinauf, ohne mich aufgeschlagen in den Händen zu halten. Für alle Fälle. In diesem Chor ist das „für alle Fälle“ älter als das Tamburin.

Donnerstag, erster Feria-Tag, zwölf Uhr mittags, Caseta del Mayor in den Jardines de Picasso. Dreizehntes Treffen der Rociero-Seniorenchöre. Es kommen der Chor des Ortes, der von Torrox Costa und die aus Nerja und Vélez-Málaga. Tücher um den Hals, Blumen im Haar, frisch gebügelte Blusen und vier Gitarren, die gleichzeitig stimmen, jede überzeugt, dass die verstimmte die daneben ist.

Und die anderen Mappen kommen. Eine rote von der Küste, die Hüllen wellig vor Feuchtigkeit. Eine gepunktete, die ununterbrochen angibt. Und eine aus Vélez, so dick, dass sie nicht mehr zugeht und von einem Gummiband zusammengehalten wird. Wir mustern uns, wie Mappen sich mustern: an den Rändern. Die aus Vélez hat mehr Bleistift als ich. Das werde ich niemandem erzählen.

Wir sind dran. Loli stellt sich in die zweite Reihe, schlägt mich auf, atmet tief ein, und der Chorleiter zählt mit dem Kinn ein. Erste Sevillana. Ich bin auf Seite sieben aufgeschlagen. Sie singen Nummer drei. Egal. Loli singt mit einem Lächeln, das nicht in ihr Halstuch passt, und ich zittere ein bisschen in ihren Händen bei jedem „¡Olé!“ aus dem Publikum.

Während die anderen singen, entdecke ich etwas: Wir singen fast dieselben Lieder, aber jeder Chor atmet an einer anderen Stelle. Wir holen vor dem Refrain Luft, die aus Nerja direkt danach. Ein Jahr lang habe ich notiert, wo man atmen soll, und jetzt zeigt sich, dass die Luft so verteilt wird, wie es jedem passt.

Am Ende passiert, was passieren muss: Alle vier Chöre stehen gleichzeitig oben, zusammengequetscht auf einer Bühne für einen, und singen dieselbe Sevillana. Niemand schlägt eine Mappe auf. Braucht es nicht. Loli klappt mich zu, drückt mich an die Brust und singt, als hätte sie den Text selbst geschrieben.

Dann kommen die lateinamerikanischen Tänze: Cumbia, Salsa, Pasodobles. Loli legt mich auf einen Gitarrenkoffer und tanzt einen Pasodoble mit einem Herrn aus Vélez, der sogar mit den Augenbrauen den Takt hält. Danach eine Salsa mit zwei Nachbarinnen von der Küste. Loli, die sich bei den Proben nicht von ihrer Fliese rührt, dreht mehr Runden als das Riesenrad auf dem Llano de la Almazara.

Als die Musik aufhört, holt sie mich vom Koffer und sieht mich zum ersten Mal an diesem Tag an. Sie zieht den Bleistift aus dem Ring und schreibt auf die letzte Seite, unter die Schluss-Sevillana, in runder Schrift: „Hier alle zusammen.“

Das ist die schönste Notiz, die ich trage. Und die einzige, die man nicht proben muss. Um sechs Uhr abends singen andere Chöre in derselben Caseta. Loli sagt, sie komme nur zum Zuhören. Sie hat mich schon in die Tasche gesteckt. Für alle Fälle.

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zurück an …
Die Pokale landen in einer Vitrine. Der Tisch bei der Chocolatada um halb sieben.

Es erzählt ein Klapptisch

Zurück an …

Caseta del Mayor, Jardines de Picasso · Donnerstag, 14:00

Ich weiß nicht, wem ich gehöre. Ich sage das ohne Drama: Bei einem Klapptisch ist das ganz normal. Weiße Platte, Rohrbeine, die sich nach innen klappen, und ein Riegel, den nur geduldige Menschen verstehen. Unten steht mit Filzstift „ZURÜCK AN“ und dahinter sechs Vereinsnamen, einer über den anderen durchgestrichen. Der letzte stimmt auch nicht.

Ich bin so oft verliehen worden, dass ich nicht mehr zurückgehe: Ich werde weitergereicht. Eine Peña stellt mich vor die Tür eines Clubs, der Club lädt mich in den Transporter einer Bruderschaft, und die Bruderschaft leiht mich dem Elternverein der Schule. Das Einzige, was mir gehört, ist ein Stück Keksschachtel-Pappe, viermal gefaltet, für das wackelnde Bein. Jeder, der mich aufbaut, weiß davon.

Mein Lebenslauf passt in meine Flecken. Ein Schokoladenring, der nicht einmal mit Bleiche rausgeht. Die Tesafilmspur vom Kuli der Anmeldungen, denn zur Feria wandern Kulis aus. Und eine klebrige Ecke von damals, als ich Wohltätigkeitslose für einen Korb mit Olivenöl, Turrón und einer Decke verkauft habe. Gewonnen hat ihn ein kleiner Junge, der mit der Decke um die Schultern nach Hause ging, wie ein Sofa-Superheld.

Am Dienstag war ich bei den Brettspielen im Seniorenzentrum. Ich als Tisch, sie spielten. Nie haben sie mich würfeln lassen. Am Mittwoch im Complejo La Granja habe ich die Paare für das Bouleturnier notiert, die sich in wunderschöner Schrift und mit notarieller Ernsthaftigkeit eintrugen.

Heute, Donnerstag, ist die Caseta del Mayor in den Jardines de Picasso dran. Mittags singen die Seniorenchöre, danach gibt es Cumbia, Salsa und Pasodobles. Ich warte zusammengeklappt hinten, neben einem Schuhkarton voller Medaillen, und beim Pasodoble zittern mir die Scharniere. Das liegt mir im Eisen.

Um halb zwei kommen zwei Freiwillige, um mich aufzubauen. Mich aufzuklappen hat sein Ritual: Man zieht den Riegel, drückt das Bein mit dem Knie und sagt zweimal „So“, weil es beim ersten Mal nie so ist. Dann bückt sich jemand und sucht die Pappe. Die Pappe ist immer da. Obendrauf ein Laken, gebügelt in irgendeinem Haus im Ort, und zwei Wäscheklammern.

Und die Pokale kommen: golden, aus Plastik, mit einem winzigen Spieler obendrauf, der immer aussieht, als wolle er gleich etwas sagen. Die großen hinten und die kleinen vorn, wie auf Hochzeitsfotos. Sie wiegen fast nichts. Was wiegt, ist alles andere: die volle Caseta, Leute, die hinten stehen, und ein Enkel, der laut fragt, welcher der von seiner Oma ist.

Um zwei beginnt die Preisverleihung. Bei jedem Namen steht jemand auf, durchquert unter Applaus die Caseta und kommt direkt auf mich zu. Ein Boule-Paar hebt den größten Pokal hoch, als wäre es der Europapokal. Auf jedem Foto liegt eine Hand auf meiner Kante. Ich halte. Dafür habe ich die Pappe.

Die Pokale wandern in Vitrinen und auf Wohnzimmertischchen. Mir applaudiert niemand, und das verstehe ich. Was mich wurmt, ist, dass auch denen niemand applaudiert, die mich hergebracht haben. Diese Leute kommen als Erste, mit Schlüsseln zu Lagern, die nicht ihnen gehören, und gehen als Letzte, mit Händen, die nach Eisen riechen. Dazwischen bauen sie auf, schreiben Namen auf, servieren und stapeln Stühle, wenn die Musik aus ist. Auf dem Feria-Plakat stehen sie nicht. Alles andere schon.

Um vier klappt mich keiner zusammen. Man schiebt mich drei Meter weiter und legt mir eine geblümte Wachstuchdecke auf: Um halb sieben gibt es Chocolatada. Eine Dame klopft mir zweimal auf die Platte und kündigt an, dass sie mich am Freitag für die Servietten bei der Paella will. Bevor sie geht, bückt sie sich, sucht eine Lücke unter den sechs durchgestrichenen Namen und schreibt mit Filzstift: „AN DEN, DER IHN BRAUCHT“.

Es ist das erste Mal, dass jemand meine Adresse richtig trifft.

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für die Schutzheiligen
Zwölf Gladiolen, sechs Nelken und ein Schokoladenfleck.

Es erzählt eine Blumengabe

Gladiolen mit Schokoladenduft

Paseo de las Moreas · Donnerstag, 17:00

Niemand, der bei Verstand ist, würde es Frühstück nennen, sich an einem Donnerstag um fünf Uhr nachmittags eine Churros-Schnecke mit Schokolade einzuverleiben, aber mitten in der Feria verlieren die Uhren jedes Schamgefühl. Meine Trägerin, eine Frau mit energischem Schritt und einem Dutt, so straff, dass er als Facelifting durchgeht, hatte beschlossen, dass vor der heiligen Pflicht der Körper gestärkt werden müsse. „Mit leerem Magen betet es sich nicht gut“, verkündete sie. Und so verbrachte ich meine ersten zwanzig Minuten Gesellschaftsleben liegend auf einem Tisch am Paseo de las Moreas, auswischend vor heißen Fetttropfen und Frittierschwaden, die meine Nelken beinahe vorzeitig welken ließen.

Ich sollte klarstellen, dass ich kein beliebiges Balkonsträußchen bin. Ich bin eine förmliche Blumengabe für die Schutzheiligen von Torrox. Zwölf makellose weiße Gladiolen, ein halbes Dutzend karminrote Nelken und eine grüne Seidenschleife, die gerade an einen verschwitzten Unterarm gepresst reist. Im Blumenladen hat man mich wie einen Prinzen behandelt: frisches Wasser, Zellophan und ein „Wie schön der geworden ist“ von der Verkäuferin. Und jetzt rieche ich nach Churrería. So ist das Leben eines Straußes.

Während der Vesper schaute mich ein Kellner an und fragte, ob er mich ins Wasser stellen solle. Meine Besitzerin sagte nein, ich halte das aus. Aushalten tu ich. Aber ein Tropfen Schokolade ist auf eines meiner Blütenblätter gefallen, und niemand hat ihn abgewischt. Ich trage ihn wie eine Medaille.

Das eigentliche Drama begann, als wir uns bergauf in Bewegung setzten. Der Zug zur Plaza de la Constitución ist ein zäher Strom aus Frömmigkeit, Umschlagtüchern und gut gemeinten Rempeleien. Um zehn nach fünf lief ein zerstreuter Herr mit Sonnenbrille rückwärts, während er an einem Churro kaute, und hätte beinahe meine drei Gladiolen an der rechten Ecke geköpft. Meine Besitzerin wich ihm mit einem Hüftschwung aus, um den sie ein Torero beneiden würde. Der Herr hat nichts gemerkt.

Zwei Ecken weiter versuchte ein kleiner Junge mit einem Heliumballon in Traktorform, die Schnur zwischen meine Stängel zu wickeln. Ein paar bange Sekunden lang bildeten der Traktor und ich eine einzige aerostatische Einheit. Hätte ein bisschen Ostwind geweht, wäre ich in Nerja gelandet. Die Mutter des Jungen löste den Knoten unter Entschuldigungen, und meine Besitzerin antwortete „Macht nichts, Kind“ mit jenem Lächeln, das eigentlich heißt: „Wenn eine Gladiole abbricht, reden wir noch.“

Ich ertrug das Gezerre mit bewundernswerter pflanzlicher Würde und zog jedes Mal die Blütenblätter ein, wenn ein Fächer im Düsenantrieb an meiner Blütenkrone vorbeischrammte. Auf dieser Feria fächeln Fächer nicht: Sie heben ab.

Von meinem Aussichtsposten erkenne ich schon die Tragen der Virgen de las Nieves und von San Roque vor dem klaren Himmel. Die Glocken läuten. Meine Stängel knacken unter dem Druck der Finger meiner Besitzerin, die zwischen Hochrufen und Geläut den Schritt beschleunigt und sich mit den Ellbogen Platz verschafft wie im Schlussverkauf.

Ich werde am Altar ankommen und mehr nach verbranntem Zucker und Schmalz riechen als nach Wiese, so viel ist sicher. Aber ich komme heil an, mit meinen zwölf Gladiolen, meinen sechs Nelken und einem Schokoladenfleck, der, richtig betrachtet, wie ein Flamenco-Tupfen aussieht. In Torrox wissen sogar wir Blumen: Um sich den Himmel zu verdienen, muss man erst die Feria überleben.

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♪ ♫ ♪ besetzt!
Eine Korbtasche reserviert einen Stuhl. Eine Tasche und eine Dame drei Meter entfernt.

Es erzählt ein Plastikstuhl

Der begehrteste Stuhl beim Bolerazo

Plaza de la Constitución · Donnerstag, 18:00

Es gibt Dinge, die zum Glänzen geboren sind, und Dinge, die zum Aushalten geboren sind. Ich gehöre zu den zweiten. Ich bin ein weißer Plastikstuhl, Modell Terrasse, mit leicht gespreizten Beinen und einem Kratzer an der Lehne von damals, als man mich auf einer Hochzeit als Leiter benutzt hat. Auf der Plaza de la Constitución gibt es viele wie mich. Aber am Feria-Donnerstag um sechs Uhr abends, wenn der Bolerazo beginnt, sind wir das Begehrteste im ganzen Ort. Mehr als ein Schattenplatz. Mehr als ein freier Parkplatz.

Denn der Bolerazo von „La Movida del Tardeo“ ist eine ernste Angelegenheit: drei Stunden Boleros, und die halbe Axarquía will sie im Sitzen hören. Und Stühle, richtige Stühle, gibt es nicht für alle.

Um Viertel nach fünf kommen die ersten. Drei Damen mit Fächern, die Vorhut eines Freundinnenkreises, der sich „Die Schnellfächer“ nennt. Sie setzen sich nicht: Sie reservieren. Und das Reservieren von Stühlen auf der Feria folgt einem ungeschriebenen Regelwerk, komplizierter als das Bürgerliche Gesetzbuch. Eine Handtasche darauf zählt als eine Person. Eine Jacke als eine halbe. Ein offener Fächer als jemand, der „gleich kommt“. Eine Tüte Sonnenblumenkerne reserviert nichts, schüchtert aber ein.

Auf mich legen sie eine Korbtasche so groß wie ein Handgepäckkoffer. Ich habe eine Besitzerin.

Eine gute Stunde lang verteidige ich mich allein. Ein Herr mit einem Eis kommt vorbei und mustert mich mit Absicht; er sieht die Tasche und geht weiter. Ein junges Paar kommt vorbei; sie will mich nehmen, er berührt ihren Arm und zeigt auf den Korb mit dem Respekt, mit dem man auf ein Adelswappen zeigt. Ein Kind fragt, ob es sich „nur ganz kurz“ setzen darf. Die Tasche antwortet nicht, aber eine der Damen tut es, aus drei Metern: „Besetzt, Schätzchen.“ Sie hat Ohren wie ein Luchs.

Um sechs beginnen die Boleros. Meine Besitzerin ist eine fröhliche Frau im geblümten Kleid, die so leise mitsingt, dass mein Sitz vibriert. Bei den Refrains seufzt sie, bei den Strophen fächelt sie sich Luft zu. Bei „Historia de un amor“ entwischt ihr eine Träne, die genau auf meine Kante fällt.

Und dann kommt die Gefahr. Ein langsamer, wunderschöner Bolero erklingt, und ein weißhaariger Herr in tadellosem Hemd reicht ihr die Hand: „Tanzen wir?“ Sie zögert eine halbe Sekunde. Sie schaut auf die Tasche. Sie schaut auf den Stuhl. Sie schaut auf den Herrn. Und sie steht auf.

Taktischer Fehler. Kaum ist sie vier Schritte weg, sieht mich eine Dame aus einem anderen Freundeskreis frei, die seit einer Dreiviertelstunde steht. Sie schätzt die Entfernung ab. Sie zögert. Aber eine Tasche reserviert nur, solange die Besitzerin in Sichtweite ist, und jetzt tanzt die Besitzerin eng umschlungen mit einem Kavalier. Die Neue schiebt die Tasche sehr vorsichtig beiseite, stellt sie auf den Boden und setzt sich.

Was danach kommt, erzählt kein Bolero. Meine Besitzerin kommt zurück, sieht die Szene, lässt den Kavalier mitten im Satz stehen und überquert die Tanzfläche mit der Entschlossenheit des Winterschlussverkaufs. Es folgt ein schnelles Gespräch mit gesenkter Stimme, voller „Entschuldige, Kind“, „Er war doch frei“ und „Frei nicht, da lag die Tasche“. Die Schnellfächer stehen solidarisch auf. Der andere Kreis auch. Ein paar Sekunden lang hält der Platz den Atem an.

Und dann tritt auf der Bühne jemand, der alles gesehen hat, ans Mikrofon: „Das nächste widmen wir den beiden Damen mit dem Stuhl.“ Und es erklingt „Dos gardenias“.

Der ganze Platz lacht und applaudiert. Die beiden Damen sehen sich an, fangen auch an zu lachen und teilen sich mich schließlich: Die eine sitzt, die andere lehnt an der Lehne, und sie singen zusammen. Am Ende des Abends tauschen sie Telefonnummern aus.

Ich beendete die Nacht gestapelt mit vierzig anderen Stühlen, mit einem Lippenstiftabdruck an der Lehne und dem üblichen Kratzer. Aber mit der Genugtuung, zwei Freundeskreise vereint zu haben. Manche Stühle sind zum Sitzen da. Und manche Stühle schreiben Geschichte.

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kling!
Ungefähre Flugbahn eines Ohrrings mit sechzig Dienstjahren.

Es erzählt ein Filigran-Ohrring

Die Flucht des goldenen Rings

Caseta del Mayor, Jardines de Picasso · Donnerstag, 18:00

Sechzig Jahre in Carmens Schmuckkästchen zu überleben, um am Ende unter einen Klapptisch der Caseta del Mayor zu rollen, stand nicht in meinen Ruhestandsplänen. Ich bin kein Plastikkram aus dem Laden an der Ecke, der bei der zweiten Feria vor Scham grün anläuft. Ich bin eine Creole aus goldenem Filigran, massiv und edel, einst für eine Hochzeit in der Kirche Nuestra Señora de la Encarnación in Auftrag gegeben. Ich habe Moden kommen und gehen sehen, Haarspray-Frisuren, die einem Sturm standhielten, und ganze Generationen von Enkeln, die mich für einen Schnuller hielten. Dass mein Schicksal nun durch einen schlecht bemessenen Pasodoble mitten in den Jardines de Picasso besiegelt wird, halte ich deshalb gelinde gesagt für eine unverzeihliche Kränkung.

Schuld war die Kapelle. Gegen sechs Uhr abends beschloss der Keyboarder, „Campanera“ mit maßloser Begeisterung anzugehen. Carmen, beflügelt von einem Gläschen Anis („nur eins, gegen die Kälte“, sagte sie, bei achtundzwanzig Grad) und der festlichen Stimmung, kam in Fahrt. Sie rückte sich das Umschlagtuch auf den Schultern zurecht, warf ihre Dauerwelle mit einem Elan zurück, der ihren zweiundachtzig Jahren nicht angemessen war, und stürzte sich am Arm von Paco auf die Tanzfläche, der wenig tanzt, aber gut festhält.

Erste Drehung: perfekt. Zweite Drehung: Carmen hielt sich für Lola Flores. Und genau da sagte der Druckverschluss an meinem Ohrläppchen, erschöpft von Jahrzehnten Dienst ohne einen einzigen Krankheitstag: Schluss.

Ich löste mich lautlos, beschrieb eine perfekte Parabel durch die dicke Luft der Caseta, prallte von einem Plastikteller mit Resten von Russischem Salat ab und landete mit einem Klingeln auf dem Pflaster, das niemand hörte. Sechzig Jahre Treue und nicht einmal ein trauriges „Ach!“.

Vom Boden aus ist die Welt der Senioren-Caseta ein gefährlicher Dschungel. Die Perspektive ändert sich gewaltig, wenn man drei Zentimeter Durchmesser hat und von einem Wald aus Aluminiumstuhlbeinen, Gehstöcken mit Gummikappe und orthopädischen Schuhen umgeben ist, die im Zweivierteltakt schlurfen. In fünf Minuten wich ich zwei niedrigen Lackabsätzen aus, einer schokoladenverschmierten Serviette und dem Rad von Don Juliáns Rollator, das nur Millimeter an meinem Filigran vorbeifuhr. Don Julián tanzt übrigens mit Rollator besser als viele ohne.

Carmen merkte nichts. Sie ruderte weiter locker mit den Armen, lächelte den Nachbarinnen zu und präsentierte ihr nacktes linkes Ohr wie jemand, der einen neuen Schönheitsfleck vorzeigt. Mein Partner, die rechte Creole, hing noch am anderen Ohr, und ich könnte schwören, dass er mich von der Seite überheblich ansah. Er war immer der Stabilere von uns beiden. Und der Eingebildetere.

Plötzlich blieb ein schwarzer Samtschuh direkt vor mir stehen. Eine beringte Hand, voller alter Ringe und mit zittrigem, aber zielsicherem Griff, senkte sich langsam zwischen Papiertischdecke und Unterrock herab, wie der Greifarm im Spielautomaten, der nie das Kuscheltier erwischt. Nur dass dieser mich erwischte.

„Du liebe Güte, Carmen!“, rief Encarna und hielt mich zwischen ihren knotigen Fingern hoch, mit der Genugtuung von jemandem, der einen Piratenschatz findet. „Du verlierst ja deine Aussteuer an allen Ecken!“

„Ach, mein Ohrring!“, sagte Carmen und fasste sich ans Ohr. „Ich tanze eben so kunstvoll, dass mir der Schmuck abfällt!“

Sie lachte so laut, dass es die Becken übertönte, gab mir einen schnellen Kuss und setzte mich mit einem Klick wieder an meinen Platz. Paco wartete schon mit offenen Armen, und der Keyboarder, dieser Leichtsinnige, hatte „Paquito el Chocolatero“ angestimmt.

Ich nehme an, ich muss mindestens noch drei Stücke durchhalten. Ich habe mich mit aller Kraft am Ohrläppchen festgeklammert.

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es reicht für alle!
Genau eine Tasse pro Kelle. Kein Tropfen mehr. Kein Tropfen weniger.

Es erzählt die Schöpfkelle der Chocolatada

Eine Tasse für die Nachbarin

Caseta del Mayor, Jardines de Picasso · Donnerstag, 18:30

Mich holt man einmal im Jahr hervor. Den Rest der Zeit hänge ich an einem Nagel in einer Küche, zwischen einem Sieb mit Vergangenheit und einem drei Jahre alten Kalender, den niemand abnimmt, weil er ein sehr schönes Foto vom Fluss hat. Ich bin eine Schöpfkelle. Aus Stahl, mit langem Stiel und dem exakten Fassungsvermögen einer gut eingeschenkten Tasse Schokolade. Kein Tropfen mehr. Kein Tropfen weniger. Das hat mir Pepa beigebracht, die am Topf das Sagen hat, mit der Hand eines Chirurgen und der Geduld einer Heiligen.

Am Feria-Donnerstag um halb sieben abends arbeite ich in der Caseta del Mayor in den Jardines de Picasso. Die Chocolatada, die die Frauen eines Vereins aus dem Ort zubereiten. Das am sehnlichsten erwartete kulinarische Ereignis des Jahres, noch vor Heiligabend und weit vor jeder Hochzeit.

Der Topf ist riesig. Fiele ich hinein, fände man mich zu Ostern. Die Schokolade wird seit fünf Uhr mit der Geduld eines Alchemisten gerührt: Milch, Trinkschokolade und ein Geheimnis, das die Frauen sich leise weitergeben und das ich aus Loyalität nicht verraten werde. Ich sage nur, dass es nach Kindheit riecht. Und nach Zimt. Hoppla, jetzt hab ich’s gesagt.

Um Viertel nach sechs gibt es schon eine Schlange. Um zwanzig nach reicht die Schlange um die Caseta herum. Um fünf vor halb versucht ein Herr mit Baskenmütze sich vorzudrängeln, mit dem Argument, er sei „nur zum Schauen“ da. Niemand kommt zum Schauen zu einer Chocolatada. Lola, die die Schlange mit der Autorität eines Verkehrspolizisten regelt, schickt ihn mit einem Lächeln, das keine Widerrede duldet, ans Ende.

Der Ausschank beginnt. Ich tauche in den Topf, komme hoch, fülle die Tasse und tauche wieder ab. Rein, raus. Rein, raus. Ich bin eine Maschine. Neben mir verteilt eine Helferin Churros mit einer Zange in einem Tempo, das verboten gehört. Eine andere sammelt Becher ein. Eine andere feuert an: „Es reicht für alle, nicht drängeln!“ Eine perfekte Choreografie.

Von meinem Posten aus sehe ich den ganzen Ort vorbeiziehen. Ich sehe eine Großmutter, die „nur ein bisschen, ich mache Diät“ bestellt und dann um ein bisschen mehr bittet. Ich sehe einen Enkel, der sich bis zu den Augenbrauen bekleckert und sagt, das sei der Cousin gewesen. Ich sehe ein Ehepaar, das sich seit fünfzig Jahren eine Tasse teilt, weil sie so „schneller abkühlt“, sagt er, und weil „er sie so nicht allein austrinkt“, sagt sie.

Und ich sehe den Herrn mit der Baskenmütze, der schon bei seiner dritten Runde ist. Jedes Mal bringt er eine andere Ausrede mit. Die erste Tasse war für seine Frau. Die zweite für seine Schwester. Die dritte für „eine Nachbarin, die nicht laufen kann“. Pepa schaut ihn über die Brille an, taucht mich bis auf den Grund des Topfes und schenkt ihm eine von den guten ein. „Für die Nachbarin“, sagt sie. „Für die Nachbarin“, antwortet er. Beide wissen, dass es keine Nachbarin gibt. Auch das ist Feria.

Um halb acht zeigt der Topf seinen Boden. Jetzt muss gekratzt werden, das ist der schwierigste und begehrteste Teil, denn die Schokolade vom Boden ist die dickste, die himmlisch schmeckt. Manche warten absichtlich. Weise Leute.

Wenn alles vorbei ist, spült man mich mit heißem Wasser, trocknet mich mit einem bestickten Tuch ab und hängt mich wieder an den Nagel, neben das Sieb und den Flusskalender. Eine Woche lang rieche ich nach Schokolade. Ich beschwere mich nicht.

Bis zur nächsten Chocolatada bleibt mir ein ganzes Jahr. Aber am Donnerstag war ich eine Stunde lang die wichtigste Schöpfkelle von Torrox. Und der Herr mit der Baskenmütze erinnert sich, da bin ich sicher, auch an mich.

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Konditorei So!
Tupfen gerettet. Creme auf dem Kleid: null.

In der Hauptrolle: Nieves, vier Jahre

Die Rettung der Tupfen

Calle Calzada · Donnerstag, am Nachmittag

Mit knapp vier Jahren und einem Flamencokleid mit mehr Stärke als das Hemd eines Bräutigams die Calle Calzada hinaufzusteigen, ist ein Unterfangen epischen Ausmaßes. Nieves ging entschlossen, ließ bei jedem kleinen Schritt die himmelblauen Rüschen schwingen und schielte darauf, wie die Fransen des Umschlagtuchs sie an den Armen kitzelten. Alle drei Schritte blieb sie stehen, um nachzusehen, ob die Rüschen noch da waren. Sie waren es.

Für sie war das kein gewöhnlicher Nachmittag: Es war ihre erste richtige Feria. Die früheren zählten nicht, denn entweder saß sie im Kinderwagen oder schlief ein, bevor sie bei den Karussells ankam. Diesmal nicht. Diesmal hatte sie eine Blume im Haar, Ohrclips und eine Mission: alles sehen. Eine riesige Welt aus bunten Glühbirnen, die vom Himmel hingen, fernen Klängen und einem fröhlichen Gemurmel, das den gepflasterten Hang von Torrox hinunterrollte.

Auf halber Höhe, vor dem Schaufenster einer Konditorei, bremsten die kleinen Espadrilles abrupt. Wie ein Auto an einer Kontrolle.

„Schau, Mama!“, zeigte sie, den Zeigefinger ans Glas gedrückt, fasziniert von einer Reihe Törtchen mit gebrannter Creme.

Ihre Eltern wechselten einen Blick resignierter Komplizenschaft. Sie wussten genau, dass Verhandlungen mit einer entschlossenen Flamenca auf halber Höhe eine verlorene Schlacht waren. Der Vater versuchte es mit dem Klassiker „Nachher, auf dem Rückweg“. Nieves antwortete mit dem Blick von jemandem, der weiß, dass „nachher, auf dem Rückweg“ eine Sprache ist, die Erwachsene erfunden haben, um nichts zu kaufen. Minuten später hielt sie die Beute mit beiden Händen, so vorsichtig, als transportiere sie Dynamit.

Sie biss begeistert ein erstes Mal hinein und schloss die Augen, um den Zucker zu genießen wie eine professionelle Verkosterin. Aber die Physik der Feria kennt kein Erbarmen. Ein dicker, heimtückischer Tropfen Creme rutschte aus ihrem Mundwinkel, zögerte einen Moment am Kinn, als überlege er noch, und stürzte dann senkrecht auf einen weißen Tupfen auf ihrer Brust.

Die Stille, die folgte, war vollkommen. Sogar die Blaskapelle in der Ferne schien leiser zu werden. Nieves senkte das Kinn, riss die Augen auf und starrte auf die Katastrophe. Der weiße Tupfen war nicht mehr weiß. Er war ein verwundeter Tupfen. Ihre Mundwinkel begannen zu zittern und drohten ein Weinen zu entfesseln, das es an Dezibel mit der ganzen Charanga hätte aufnehmen können.

Der Vater zog mit bestem Willen eine dieser kratzigen Papierservietten hervor. Gute Absicht, falsches Werkzeug: Er hätte den Fleck in eine Wetterkarte verwandelt.

Da vollführte die Mutter ein Manöver, eines Zauberkünstlers würdig. Mit der Geschicklichkeit, die nur Erfahrung verleiht, riss sie die Handtasche auf (jene Tasche, in der Pflaster, ein ausgedienter Schnuller, drei Haarnadeln, Pfefferminzbonbons und ein Ausweis von vor zwei Verlängerungen zusammenleben), zog ein Feuchttuch heraus, als ziehe sie ein Florett, und entfernte den Fleck mit zwei festen, kreisenden Bewegungen spurlos.

„So!“, sagte sie und steckte die Geheimwaffe weg. „Als wäre nichts gewesen. Na los, iss es auf, bevor es bei den unteren Rüschen ankommt.“

Nieves blinzelte. Sie berührte den makellosen Tupfen mit der Fingerkuppe, als prüfe sie, ob ein Wunder echt ist. Und sie strahlte von einem Ohr zum anderen, mit dem Lächeln, das Kinder haben, wenn sie entdecken, dass ihre Mutter Superkräfte hat.

Sie wischte sich den Zuckerbart mit dem Handrücken ab, bot dem Vater ein Stückchen als Trostpreis an und setzte den Aufstieg fort, bereit, die Feria in großen Bissen zu verschlingen. Vorsichtig allerdings. Ganz nach vorn gebeugt.

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ja, ja, eins, zwei
Zwei Finger am Fader und der ganze Platz im Kopfhörer. Das Pfeifen kam gar nicht erst zur Welt.

Es erzählt das Mischpult der Bühne

Test, ja, ja

Plaza de la Constitución · Donnerstag, 23:00

Ich wohne mitten auf der Plaza de la Constitución, auf einer Insel aus Absperrgittern und Plane, die die Techniker „FOH“ nennen und das Publikum „das Ding da in der Mitte“. Ich bin das Mischpult der Bühne: achtundvierzig Kanäle, Hunderte kleine Drehknöpfe und eine Reihe Lämpchen, die grün, gelb oder rot werden, je nachdem, wie der Abend läuft. Kinder halten mich für ein Flugzeugcockpit. Sie liegen nicht ganz falsch: Von hier aus hebt man auch ab.

Meine Technikerin ist seit vier Uhr nachmittags bei mir. Kopfhörer um den Hals, Taschenlampe in der Tasche und eine Rolle Kreppband, mit der sie mich per Kuli beschriftet: „GESANG“, „BASSDRUM“, „GITARRE 2“. Ein Kanal heißt „??“. Keiner weiß, was das ist. Sie fasst ihn nie an. Wir haben Respekt vor ihm.

Was ich heute am meisten gehört habe, ist ihre Stimme, als sie mit Kopfhörern über den leeren Platz lief: „Test, ja, ja. Eins, zwei. Eins, zwei.“ So oft hat sie es wiederholt, dass es schon einen Refrain hat. Würde sie es aufnehmen, wäre es der Sommerhit. Der Herbsthit, Verzeihung.

Um sechs kam der Bolero-Nachmittag, und der Platz, der noch nach den Blumen der Blumengabe duftete, füllte sich mit Paaren, die eng umschlungen tanzten. Sie gab ihnen ein bisschen Hall, denn ein Bolero ohne Hall ist eine Umarmung in Eile. Um neun begann der andere Tanz, der Kabeltanz: Jungs in Schwarz, die Rollkisten schieben, und der Lichttechniker auf seinem Turm, der sich mit ihr in Zeichen verständigt, wie zwei Taucher.

Dann kommen die Leute ans Gitter. Ein Herr fragt, ob man ihm „eins von den alten“ spielen könne, als wäre ich eine Jukebox. Ein Mädchen stellt eine Limo auf meinen Deckel, und meine Technikerin gibt sie ihr mit einem Lächeln zurück, das ein bisschen Angst macht: „Hier nicht mal Wasser.“ Das Mädchen entschuldigt sich. Bei mir. Sie gefällt mir.

Um elf kommt der Star des Abends, einer dieser Sänger, die der halbe Platz auswendig kennt. Erster Akkord. Meine Lämpchen springen auf Gelb. Sie setzt die Kopfhörer auf und legt zwei Finger auf den Gesangsfader. Sie tanzt nicht. Sie bewegt nicht den Kopf. Sie bewegt Millimeter.

Beim dritten Lied kommt der Sänger an den Bühnenrand, um zu grüßen, und richtet das Mikrofon versehentlich auf einen Lautsprecher. Ich merke es vor allen anderen: ein Pfeifen, das dünn wie eine Mücke geboren wird und in einer halben Sekunde eine Sirene werden will. Aber sie hat den Finger schon am richtigen Knopf, senkt diese Frequenz um drei Strichlein, und das Pfeifen erstirbt, bevor es laufen lernt. Niemand hat es gehört. Nur wir beide. Sie feiert es mit einem Schluck Wasser. Weit weg von mir, natürlich.

Dann kommt das Lied, auf das alle gewartet haben. Der Sänger dreht das Mikrofon zum Publikum, sie zieht die Band fast auf null, und der Platz singt allein, ein Chor ohne Kabel und ohne Etiketten. Meine Lämpchen messen es nicht, aber ich spüre es in den Beinen und in jeder Schraube. Es ist der einzige Kanal, den ich nicht habe, und der am besten klingende der ganzen Feria.

Am Ende gehen die Leute und sagen, was für eine Stimme und was für ein Abend. Niemand sagt „Wie gut man alles gehört hat“. Der Lichttechniker weist meine Technikerin darauf hin. Sie zuckt mit den Schultern:

„Wenn es gut klingt, erinnert sich keiner an den Ton. Wenn es schlecht klingt, erinnern sie sich sogar an meinen Namen.“

„Wie beim Licht“, sagt er. „Mich schaut man nur an, wenn ein Scheinwerfer durchbrennt.“

Dann kommt die Pop-und-Rock-Coverband auf die Bühne, und sie fängt von vorn an. Spät in der Nacht deckt sie mich mit der Hülle zu, klopft mir zweimal auf die Seite und sagt: „Gute Arbeit, Kollegin.“ Morgen um vier wieder: „Test, ja, ja. Eins, zwei.“ Ich kann es auswendig. Es ist mein Lieblingslied.

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Conejito 5:40
Zwanzig vor sechs am Conejito. Die Nelke ist die ganze Nacht nicht ausgestiegen.

Es erzählt das Lenkrad des Nachtbusses

Kurven wie auf Watte

Estación Central (Conejito), Torrox Costa · Donnerstagnacht, 5:40

Es ist zwanzig vor sechs, und ich stehe an der Estación Central in Torrox Costa, die hier alle nur Conejito nennen. Ich bin das Lenkrad des Feria-Busses: groß, fast waagerecht, mit abgewetztem Bezug genau dort, wo die Daumen liegen. Seit halb zehn gestern Abend hat mich niemand losgelassen.

Heute Nacht fahre ich die Linie 1: El Morche, Torrox Costa, Torrox Convento und wieder von vorn. Wenn wir dem Bus der Linie 2 begegnen, der aus El Peñoncillo kommt, grüßen sich die Fahrer mit zwei erhobenen Fingern, ohne mich loszulassen. Diese zwei Finger sind mein ganzes Sozialleben.

Die Fahrt ist kostenlos, und das muss man immer wieder sagen, denn die Jugendlichen, die aus der Zona Joven von La Granja zurückkommen, fragen jedes Mal danach, als wäre es eine Falle. Sie steigen mit um die Hüfte gebundenen Kapuzenpullis ein, heiser vom Mitsingen dessen, was der DJ auflegte, und mit einer Packung Kaugummi, die von Hand zu Hand geht, bis sie leer zu ihrem Besitzer zurückkommt. Beim Aussteigen sagen sie „Danke, Chef“. Der Fahrer ist von nichts der Chef, aber er freut sich.

Um eins stieg eine Großmutter mit ihrer schlafenden Enkelin auf dem Arm ein, seit der Blumengabe am Nachmittag als Flamenca gekleidet. Sieben gepunktete Rüschen, zerknittert vom vielen Feiern. Wir sind Kolleginnen, das Mädchen und ich. Sie hat sieben Volants, ich nur einen, aber ich drehe mich mehr.

Diesmal hielt mich der Fahrer, wie man eine randvolle Tasse trägt. Er fuhr hinunter zur Costa ohne eine einzige Vollbremsung, Kurven wie auf Watte, und das Mädchen öffnete kein Auge. An ihrer Haltestelle zog die Großmutter der Kleinen eine rote Nelke aus dem Dutt und legte sie aufs Armaturenbrett: „Für Sie, Sie haben uns wie in einer Wiege gefahren.“ Da liegt sie noch. Sie ist der einzige Fahrgast, der die ganze Nacht mitgefahren ist.

Um drei ein Pärchen mit einer Plüschgiraffe von der Losbude, anderthalb Meter Hals. Weil sie im Sitzen nicht passte, fuhr sie stehend mit, an die Stange gelehnt, ganz manierlich. Die junge Frau erklärte, sie habe elf Lose gekostet. Sie war der einzige Fahrgast, der nicht Gute Nacht sagte.

Nach vier steigen die ein, die die Feria von innen gemacht haben: Kellner aus den Casetas, mit Grillplattengeruch in den Haaren, ein Elektriker, der noch die Stirnlampe trägt, falls unterwegs etwas durchbrennt, zwei Freiwillige vom Katastrophenschutz, die über alles reden außer über die Feria. Einer schläft mit offenem Mund ein, und niemand macht ein Foto. Unter Nachtschichtleuten ist das Gesetz.

Durch die Windschutzscheibe sehe ich die Straßenreinigung, die anfängt, wenn die anderen aufhören. Eine Streife der Ortspolizei lässt uns an einer Kreuzung durch, und der Fahrer grüßt mit seinen zwei Fingern zurück. Heute bin ich äußerst gesellig.

Jedes Mal, wenn jemand aussteigt, denke ich an die Autos, die heute Nacht zu Hause geblieben sind. An ihre Lenkräder, die in der Garage schlafen, ohne spät nachts einen Parkplatz zu suchen oder in einem Kreisverkehr gegen den Schlaf zu kämpfen. Die schulden mir was.

Jetzt isst der Fahrer ein halbes Tortilla-Brötchen in Alufolie auf, schaut auf die Uhr und drückt den Bezug genau da, wo er abgewetzt ist. „Na los, die letzte“, sagt er leise zu mir. Um sechs ist die letzte Rückfahrt, und die gehört uns.

Es heißt, der letzte Feria-Bus komme mit dem Sonnenaufgang an. Stimmt nicht. Im Oktober ist das Meer um sechs noch schwarz wie Tinte, und die Sonne zeigt sich erst nach acht. Da draußen leuchten nur die Lichter zweier Boote, die Laterne der Haltestelle und die Nelke auf dem Armaturenbrett.

Mir reicht das. Heute Nacht habe ich die Sonne viele Male aufgehen sehen: jedes Mal, wenn jemand auf einem Sitz eingeschlafen und genau an seiner Haltestelle aufgewacht ist.

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Freitag, 2. Oktober

Zweiter Feria-Tag

socarrat
Anderthalb Meter Durchmesser. Was der Reis sagt.

Es erzählt die Riesenpaellapfanne

Was der Reis sagt

Caseta del Mayor, Jardines de Picasso · Freitag, 14:30

Ich habe anderthalb Meter Durchmesser, wiege so viel wie ein Kalb und verbringe das Jahr in einem Lager, hinter Baustellenabsperrungen und einer zerlegten Weihnachtskrippe. Ich bin die Pfanne für die Große Paella für unsere Senioren. Und am Feria-Freitag um halb drei, in der Caseta del Mayor, bin ich die Königin der Jardines de Picasso.

Mein Tag beginnt früh. Um zehn Uhr morgens stehe ich schon auf dem Feuer, mit drei Brennern, die unter mir fauchen wie ein Drache mit Sodbrennen. Über mir der Koch: ein großer Mann mit Schürze, Mütze und einem Holzpaddel, das er führt, als überquere er die Straße von Gibraltar. Sie nennen ihn Curro, und man sagt, er mache diese Paella schon, seit es mich noch gar nicht gab. Er behandelt mich mit Zuneigung und Bestimmtheit, und so muss man eine Paellapfanne behandeln.

Zuerst kommt das Öl, ein großzügiger Schwall, der über meine ganze Fläche brutzelt und mich kitzelt. Dann Hähnchen, Kaninchen und Gemüse. Das Sofrito braucht, so lange es braucht, und Curro lässt sich nicht hetzen. Wenn jemand von der Organisation fragt: „Wie lange noch?“, schaut Curro nicht einmal auf: „Was der Reis sagt.“ Und sie ziehen sich respektvoll zurück. Hier hat der Reis das Sagen.

Am Vormittag kommt der heikle Moment: der Besuch der Experten. Denn um eine Riesenpaella bildet sich immer, ganz von selbst, ein Komitee von Herren mit den Händen auf dem Rücken, die ihre Meinung kundtun. Einer sagt, es fehle Safran. Ein anderer, es sei zu viel. Ein dritter, der einmal in Valencia war, versichert, dort tue man das nicht hinein. Ein weiterer entgegnet, „das hier ist Torrox, nicht Valencia“, und es entbrennt eine Debatte mit mehr Leidenschaft als ein Derby. Curro hört keinem zu. Er rührt. Er lächelt. Er macht weiter.

Gegen eins entweicht der Duft aus der Caseta und zieht durch den Ort. Er steigt die Hänge hinauf, schleicht durch die Fenster und weckt die, die die vergangene Nacht ausschlafen. Man sagt, ein Hund sei allein von der Calle Alta heruntergekommen, immer der Nase nach. Man sagt, ein Tourist habe gefragt, ob man Eintritt zahlen müsse.

Dann kommt der Reis. Er fällt wie Regen, in Kreuzform, wie es die Tradition verlangt, und ich spüre, wie sich meine Seele füllt. Die Brühe kocht, die Blasen tanzen, und Curro verteilt die Körner mit dem Paddel, als male er ein Bild. Ab jetzt: Stille. Niemand rührt etwas an. Nicht einmal das Expertenkomitee wagt eine Meinung.

Und dann kommt mein Moment. Das, worauf ich das ganze Jahr warte. Der Socarrat: diese Schicht gerösteten Reises am Boden, knusprig und golden, der Ruhm jeder Paellapfanne. Curro dreht das Feuer herunter und lauscht, denn den Socarrat hört man, er knistert wie Zellophan. Im genau richtigen Moment dreht er die Brenner ab. Man lässt mich fünf Minuten mit einem Tuch darüber ruhen. Die längsten fünf Minuten meines Lebens.

Um halb drei wird serviert. Die Teller wandern über mich hinweg zu den Tischen unserer Senioren, die mit der Serviette um den Hals warten und dem Hunger von Leuten, die den ganzen Vormittag getanzt haben. Es regnet „Wie gut die ist!“, „Wie früher“ und ein „Die ist richtig“ von dem Herrn, der in Valencia war, was aus seinem Mund einem Staatspreis gleichkommt.

Am Ende, als fast nichts mehr übrig ist, kommen drei Großmütter mit eigenem Löffel, um den Socarrat von meinen Rändern zu kratzen. Sie tun es schweigend, mit Technik und ohne Eile, wie Goldwäscher am Fluss. Und ich lasse sie. Dafür bin ich da.

Am Nachmittag wird man mich mit dem Schlauch abspritzen, und ich komme zurück ins Lager, neben die zerlegte Krippe. Aber ich gehe zufrieden. Sie haben mich bis aufs letzte Korn ausgekratzt, und das ist das größte Kompliment, das man einer Paellapfanne machen kann.

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eins, zwei … bumm!
Die Trompete einen halben Takt zu früh. Das Bumm, wenn es dran ist.

Es erzählt die große Trommel einer Charanga

Ein Bumm zur rechten Zeit

Plaza de la Constitución · Freitag, 16:30

Ich bin eine große Trommel. Rund, mit zwei straffen Fellen, Seilen im Zickzack um den Bauch und einem Becken obendrauf geschraubt, wie ein Hochzeitshut. In einer Charanga hat jeder sein Handwerk: Die Trompete singt, die Posaune gibt an, die kleine Trommel tratscht. Ich kann nur ein Wort sagen: bumm. Aber ich sage es, wenn es gesagt werden muss, und dann setzt sich alles in Bewegung.

Es ist Feria-Freitag, halb fünf, und wir sind auf der Plaza de la Constitución. Um fünf startet der Pferdeumzug von La Granja zum Convento, und wir sollen den Nachmittag aufwärmen. Noch mehr aufwärmen, denn die Sonne von Torrox hat nicht mitbekommen, dass schon Oktober ist. Mein Fell ist so gespannt, dass ich klinge, wenn mich jemand scharf ansieht.

Maribel trägt mich, vor der Brust an einem Ledergurt. Unter der Woche arbeitet sie in einem Büro, und dienstags probt sie in einer Garage, die nach Instrumentenkoffern riecht. Niemand applaudiert den Proben, den spät nachts beladenen Transportern oder den langärmeligen Hemden in der prallen Sonne. Die Leute sehen das Fest. Wir wissen, was es kostet, damit es leicht aussieht.

Dann ist da der Trompeter. Guter Musiker, eiserne Lunge und eine Angewohnheit, die mich wahnsinnig macht: Er ist zu früh. Immer. Maribel hebt den Schlägel zum Einzählen – „eins, zwei …“ –, und er ist schon bei drei, wie jemand, der an der Haltestelle steht, während der Bus noch im Depot ist. Die anderen hetzen hinterher. Ich nicht: Ich warte, ich falle, bumm, und der Junge kehrt mit Unschuldsmiene in die Reihe zurück. Seit zwölf Jahren geht das so.

Wir fangen mit einem Pasodoble an. Pasodobles hört man hier nicht: Man gehorcht ihnen. Nach drei Takten beginnt ein Paar, das gerade Brot gekauft hat, zwischen zwei Tischen zu tanzen, eine Mutter hält mit dem Kinderwagen den Takt, und ein sehr ernster Herr fängt an, den Fuß zu bewegen, als gehöre er nicht ihm. Auf einem Balkon dreht jemand den Fernseher leiser, um uns besser zu hören.

Und die Kinder kommen. Sie lieben mich und ich sie, aber alle wollen mich hauen. Sie schleichen sich seitlich heran und tippen mich an, mit dem Finger, mit der flachen Hand, mit einem Lolli, der Spuren hinterlässt. Ein kleines Mädchen sieht mich mit den Händen auf dem Rücken an und traut sich nicht. Maribel geht in die Hocke und leiht ihr den Schlägel. Das Mädchen nimmt ihn mit beiden Händen, schließt die Augen und schlägt zu. Bumm. Ein winziges, schiefes Bumm. Sie öffnet die Augen, staunend, dass ihr etwas so Großes geantwortet hat, und rennt los, um es ihrer Großmutter zu erzählen.

Danach ziehen wir weiter, denn eine Charanga, die stillsteht, ist nur eine halbe. Wir verlassen den Platz durch eine Straße und kommen durch eine andere zurück, und die Leute folgen uns wie die Möwen den Booten. Zwei Touristen, die das Lied nicht kennen, aber den Schritt schon können. Eine Frau, die nur Petersilie holen wollte und eine halbe Stunde später zurückkommt, mit der Petersilie und ohne zu wissen, wie.

Wir halten kurz im Schatten. Wasser für alle. Der Posaunist fächelt sich mit den Noten Luft zu, in die er auch nie schaut. Maribel stellt mich auf den Boden, auf die Seite, und zum ersten Mal an diesem Nachmittag bekommt mein hinteres Fell Luft.

Beim letzten Pasodoble schaut der Platz schon zu den Pferden. Maribel hebt den Schlägel. Und dann passiert etwas, das in zwölf Jahren nie passiert ist: Der Trompeter wartet. Er schaut mich an. Bumm. Wir setzen alle gleichzeitig ein. Auf dem Platz merkt es niemand. Wir schon.

Heute Nacht schlafe ich in einem Kofferraum, mit Hülle und abgeschraubtem Becken. Morgen um halb fünf sind wir wieder auf demselben Platz, mit aufblasbarer Gesellschaft. Aber heute nehme ich das Bumm des Mädchens mit. Die großen gebe ich jeden Nachmittag. Dieses hier hat man mir gegeben.

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Karotte > Protokoll
Zwei Stunden und vierzig Minuten Zöpfe. Eine Karotte, und der Umzug steht.

Es erzählt Duquesa, eine Apfelschimmelstute

Eine Stute mit viel Schwung

Von La Granja zum Convento · Freitag, 17:00

Ich heiße Duquesa, bin eine neunjährige Apfelschimmelstute, und heute Morgen hat man mir zwei Stunden und vierzig Minuten lang die Mähne geflochten. Zwei Stunden und vierzig Minuten. Mit roten Schleifen, einer Bommel auf der Stirn und einer Schweiffrisur, um die mich jede Braut beneiden würde. Wenn ich mich im Wasser der Tränke anschaue, erkenne ich mich nicht wieder. Ich sehe aus wie eine Kommunionstorte mit Beinen.

Es ist Feria-Freitag, und um fünf startet der Pferdeumzug von La Granja bis zum Convento. Reiterinnen und Reiter in klassischer Tracht, breitkrempige Hüte, glänzende Stiefel und Pferde, frisiert wie für eine königliche Hochzeit. Vorneweg die Königin und der Mister des Festes, die winken, als hätten sie das ihr Leben lang getan. Und ratet mal, wen ich tragen darf: Álvaro, den Neffen von Manolo, der aus Madrid zur Feria gekommen ist.

Álvaro ist ein reizender Junge, höflich und sehr gut frisiert, sagen die Damen, die in den Stall schauen. Was niemand gesagt hat: Er hat noch nie in seinem Leben auf einem Pferd gesessen. Ich merke es, sobald er mir die Hand auf den Hals legt: Er zittert mehr als ich an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal einen Heliumballon sah.

„Ruhig, meine Schöne“, sagt er zu mir.

Ruhig, ich. Mein Lieber, ruhig bleiben musst du.

Manolo, mein Besitzer, hat seit vierzig Jahren mit Pferden zu tun und redet mit uns mehr als mit seiner Familie. Er gibt ihm schnelle Anweisungen: Fersen runter, Rücken gerade, sanft am Zügel und „lass sie machen, sie weiß Bescheid“. Da hat er recht. Ich weiß Bescheid. Ich habe sechs Umzüge hinter mir. Ich kenne den Weg, die rutschigen Pflastersteine, die Kurve, an der immer ein Kind mit einer Seifenblasenpistole steht, und die Ecke, an der es nach Churros riecht und mir der Kopf wegläuft.

Es geht los. Klatschen, Hufe und Handys, die Fotos machen. Álvaro winkt mit einer Hand, während er sich mit der anderen am Sattel festhält wie am Bügel eines Fahrgeschäfts. Ich gehe ganz langsam, sehr elegant, damit mir der Junge nicht herunterrutscht.

Auf halber Strecke beugt sich ein Mädchen mit Zöpfen über die Absperrung und bietet mir eine Karotte an. Eine Karotte. Mitten im Umzug. Manolo sagt nein, es wird nicht angehalten. Ich, bei allem Respekt vor Manolo, halte an. Ich esse die Karotte in aller Seelenruhe, während sich hinter mir ein kleiner Stau festlich geschmückter Pferde bildet und Álvaro sich bei allen entschuldigt, rot wie eine Paprika. Die Leute lachen und klatschen. Das Mädchen ist glücklich. Ich auch. Und Álvaro bricht wider Erwarten in Lachen aus. Ich glaube, da haben wir angefangen, uns zu verstehen.

Wir gehen weiter. An der Churros-Ecke weiche ich ein wenig ab, gerade genug, um den Duft einzuatmen, und Álvaro, der inzwischen Vertrauen gefasst hat, sagt „Denk nicht mal dran“ in einem so bestimmten Ton, dass ich fast gehorche. Fast.

Hinter uns allen geht ein Arbeiter mit Schaufel und Schubkarre und sammelt ein, was wir unterwegs hinterlassen, mit einer Würde, die ein Denkmal verdient. Niemand fotografiert ihn. Ich erweise ihm von hier aus meine Ehre.

Wir erreichen das Convento bei sinkender Sonne, links und rechts der Straße applaudieren die Leute. Álvaro steigt ab, so gut er kann, mit zitternden Beinen, und bevor er geht, klopft er mir auf den Hals und sagt mir ins Ohr: „Danke, Duquesa. Du hast mir das Leben gerettet.“

Übertrieben. Aber es hat mir gefallen. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr. Eins aber: Bringt mehr Karotten mit.

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Chips
Stapel zu zehn, immer zu zehn. Und ein Knopf, der nach Hause geht.

Es erzählt das Kassenhäuschen des Autoscooters

Chips, die zurückkommen

Festgelände, Llano de la Almazara · Freitag, 20:00

Ich bin das Kassenhäuschen des Autoscooters auf dem Llano de la Almazara. Rot-gelbes Blech, ein gewelltes Dächlein, eine Glühbirnenkette und ein Schalter, durch den genau eine Hand mit Münzen passt. Wenn die Feria eines Ortes vorbei ist, klappt man mich ganz zusammen, und ich reise im Anhänger, die Glühbirnen in Decken gewickelt, wie das gute Geschirr beim Umzug.

Es ist Freitag, acht Uhr abends. Bis neun laufen an allen Feria-Tagen die Fahrgeschäfte ohne Lärm: keine laute Musik, kein Mikrofon. Eine Stunde für Kinder, denen der Krach zu viel ist, und für alle, die die Feria einmal anders hören wollen. Ich genieße sie wie niemand sonst. Ich höre die Stromabnehmer am Deckengitter knistern, das weiche „Pomm“ der Wagen und das Lachen, das man ohne Musik ganz hört.

In mir arbeitet Mariángeles. Sie zählt die Chips in Stapeln zu zehn, immer zu zehn, wie blaue Zinnsoldaten in Reih und Glied. Neben ihr macht ihr jüngster Sohn auf einer Rolle Tickets seine Hausaufgaben, die pünktlich aufs Handy kommen, egal in welchem Ort er ist. Heute ist der Subjunktiv dran. Er sagt, der Subjunktiv sei wie Autoscooter: Man weiß nie, von wo er einen erwischt.

An meiner Innenwand klebt mit Tesafilm die Liste der Orte dieser Saison, vom Frühling, bis es kühl wird. Neben jeden Namen schreibt Mariángeles, was auf keiner Karte steht: „Hier bringt uns die Nachbarin kaltes Wasser.“ „Hier legt uns der Bäcker Brot zurück, auch wenn wir spät schließen.“ Neben Torrox steht: „Gute Leute. Kommen mit abgezählten Münzen.“

Und das stimmt. Gerade drücken vier Kinder die Stirn ans Glas, ihr ganzes Kapital auf dem Tresen: Zwanzig-, Zehn- und Fünf-Cent-Münzen und ein Knopf. Sie zählen laut, verzählen sich, fangen von vorn an. Für den vierten Chip fehlt nicht mehr viel. Einer zieht einen Turnschuh aus, und aus dem Turnschuh – fragt mich nicht wie – kommt eine Fünfzig-Cent-Münze. Jubel. Mariángeles gibt ihnen ihre Chips und reicht ihnen den Knopf zurück, ganz ernst: „Der kommt nach Hause, den sucht bestimmt jemand.“

Dahinter wartet ein Mann mit einem Mädchen an der Hand. Er verlangt zwei Chips, und die Großmutter der Familie, die seit vierzig Saisons von ihrem Klappstuhl aus die Bahn überwacht, sieht ihn über die Brille hinweg an.

„Du warst der mit der roten Mütze. Der, der immer in der Ecke hängen blieb.“

Der Mann bricht in Lachen aus und hält sich die Hände vors Gesicht. Das Mädchen sieht ihn an, als hätte es gerade entdeckt, dass sein Vater auch einmal Kind war. Er kramt im Portemonnaie und zieht einen alten Chip aus Messing hervor, mit einem eingravierten, fast abgewetzten Autochen. „Den hat mir mal jemand geschenkt. Ich habe ihn nie ausgegeben.“ Die Großmutter dreht ihn langsam um: Diese Serie hatte ihr Mann im ersten Jahr bestellt, als sie auf Tour gingen, als ich noch nach Farbe roch.

Vater und Tochter steigen in einen grünen Wagen. Sie stoßen höflich zusammen und bleiben in der Ecke natürlich hängen. Ihr Lachen hört man bis ans andere Ende des Llano. Als sie aussteigen, gibt die Großmutter dem Mädchen einen neuen Chip: „Der ist nicht zum Ausgeben. Der ist für in dreißig Jahren.“ Das Mädchen steckt ihn in die Tasche und klopft zweimal darauf, um sicherzugehen.

Punkt neun fangen meine Glühbirnen an zu blinken, der älteste Sohn dreht die Lautstärke hoch, und das Mikrofon, das eine Stunde lang still war, verkündet: „Noch eine Runde, die Feria hat gerade erst angefangen!“ Mariángeles kehrt zu ihren Stapeln zurück. Der Kleine klappt das Heft zu. Der Subjunktiv kann warten.

In ein paar Tagen klappt man mich zusammen und lädt mich in den Anhänger, auf zum nächsten Namen auf der Liste. Aber in irgendeiner Tasche in Torrox bleibt ein Chip von mir und wartet. Und Chips, die nicht ausgegeben werden, kommen immer zurück. Ich weiß das, weil ich auch zurückkomme.

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fisch fasch 10:15
Fisch, fasch. Viertel nach zehn. Noch hundert Meter Hang.

Es erzählt Rocío, auf Keilabsätzen und mit Mieder

Berechnungen bei vierzig Grad Handgelenk

Cuesta de la Almedina · Freitag, 22:15

Luft. Ich bitte nur um einen Hauch Luft, der nicht direkt aus einem Brotbackofen zu kommen scheint. Fisch, fasch, fisch, fasch. Würde das rasende Bewegen der Fächerstäbe Kalorien verbrennen, wachte ich morgen zwei Größen kleiner auf und bräuchte mich nicht in dieses Formmieder zu zwängen, das heute meine Atmung als Geisel hält. Ich atme schichtweise: erst die linke Lunge, dann die rechte. So komme ich zurecht.

„Zieh die hohen Keilabsätze an, Rocío“, sagte ich zu Hause vor dem Spiegel zu mir, „die strecken beim Umschlagtuch, und die Almedina ist ein Katzensprung.“ Welch Geistesblitz. Die Almedina geht man nicht hinauf: Man besteigt sie, mit Eispickel, Seil und Sauerstoffflasche. Auf halber Höhe sollte eine Hütte stehen, mit einem Bernhardiner, der Wasserfläschchen verteilt. Eben habe ich einen achtzigjährigen Herrn mit Gehstock überholt, und das Überholen hat so lange gedauert, dass wir über seinen Enkel, den Olivenölpreis und die Hüftoperation seiner Schwägerin reden konnten.

Ich spüre einen Schweißtropfen, der mir heimtückisch die Wirbelsäule hinunterläuft und die Häkchen am Rücken mit Ingenieurspräzision umschifft. Wenn er die Taille erreicht, kippe ich hier vor der Bäckerei um, und man muss mich mit einer Magdalena wiederbeleben.

Und die Blume. Die rote Blume im Haar droht seit einer Viertelstunde, mir auf die linke Augenbraue zu stürzen. Drei Haarnadeln habe ich ihr verpasst. Drei. Und da rutscht sie, Millimeter für Millimeter, wie ein Gletscher mit bösen Absichten. Fehlt nur noch, dass ich beim Konzert aussehe wie ein Piratenkapitän mit einer einäugigen Nelke. Obwohl, recht betrachtet, begründe ich vielleicht einen Trend.

Ich schiele auf die Uhr, während ich das Handgelenk schwinge, als schlüge ich eine Tortilla für zwanzig Personen: Viertel nach zehn. Ich rechne. Noch hundert Meter Hang, zwei Ecken und eine tückische Stufe, die ich seit meiner Kindheit kenne. Im Keilabsatztempo sind das etwa sieben Minuten. Wenn ich niemanden grüße, fünf. Wenn ich meine Tante Encarni treffe, fünfundvierzig, denn sie wird nach dem Freund fragen, den ich nicht habe.

Routenplan: über die Pflastersteine Tempo machen, jeder verdächtigen Rebujito-Pfütze ausweichen, nicht zur Seite schauen, falls Bekannte da sind, und heil ankommen, um mir ein Fläschchen kaltes Wasser zu bestellen, bevor die erste Rumba losgeht. Dort angekommen, können Mieder, Keilabsätze und Blume machen, was sie wollen. Ich werde tanzen, bis die Hitze vorbei ist oder bis es hell wird, je nachdem, was zuerst kommt.

Eine Nachbarin ruft mir von einem Balkon zu: „Rocío, wie hübsch du aussiehst!“ Ich lächle zurück, so gut es geht, den Mund schief vor Anstrengung, und sie applaudiert mir. Das ist der Zauber der Feria: Auch wenn du schwitzt wie ein Hähnchen am Grillspieß, gibt es immer jemanden, der dich schön findet.

Los, mein Handgelenk, ein letzter Schub, denn eine Feria-Nacht wartet nicht auf die, denen an den Ecken die Luft ausgeht. Fisch, fasch. Fisch, fasch. Man hört schon die Gitarre.

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Fundsachen
Elf Dinge verloren, elf gefunden. Und ein Luftballon, der nicht auf der Liste stand.

Es erzählt das Fundsachenheft der Ortspolizei

Dinge mit Besitzer

Festgelände, Llano de la Almazara · Freitag, 23:45

Ich bin das Fundsachenheft des Postens der Ortspolizei auf dem Festgelände. Blauer Umschlag, leicht verbogene Spirale und ein Kuli an einer Schnur, damit er nicht verloren geht, das wäre ja noch schöner. Ich wohne auf einem Klapptisch, zwischen einem Verbandskasten, einem Funkgerät, das ununterbrochen redet, und einer Thermoskanne Kaffee, die niemand als seine anerkennt.

In dieser Freitagnacht habe ich schon drei Seiten in Polizistenschrift, und die ist schnell, klar und mit Großbuchstaben an den wichtigen Stellen. „SCHLÜSSEL. Drei, mit Delfin-Anhänger und Flaschenöffner. Abgegeben an der Losbude.“ „HANDY. Einhorn-Hülle. Klingelt ohne Pause: ‚Mama‘.“ „SCHNULLER. Blau. Dringend.“

Der Schnuller hat uns in weniger als zehn Minuten verlassen. Abgeholt hat ihn ein Vater, der aussah, als sei er dreimal im Laufschritt über den Llano de la Almazara gerannt. Er spülte ihn mit Wasser aus einer Flasche ab und gab ihn einem Winzling zurück, der mit dem ganzen Körper weinte, und die Stille danach war so groß, dass Polizistin Sonia und ihr Kollege sich ansahen und wortlos lächelten. Manche Stille verdient Applaus.

Nicht alles ist so einfach. Ein Herr kommt, um das Verschwinden seines Strohhuts anzuzeigen. Wie sich herausstellt, trägt ihn seine Frau, die direkt hinter ihm steht und ihn genommen hat, weil ihr im Auto die Sonne ins Gesicht schien. Sonia notiert es trotzdem: „HUT. Aufgetaucht. Auf dem Kopf der Ehefrau.“ Alles muss festgehalten werden.

Um halb zwölf wird das Funkgerät ernst. Ein etwa fünfjähriger Junge im Ringelshirt hat die Hand seiner Mutter beim Autoscooter losgelassen. In diesem Moment spüre ich es: Der ganze Posten setzt sich in Bewegung, ohne Hast und ohne Pause. Eine Meldung per Funk an die Kollegen der Guardia Civil, eine an die Freiwilligen vom Katastrophenschutz, eine an die Sanitätsstation, sicherheitshalber. Und zwei Beamte, die schnell losgehen, aber nicht rennen, denn Rennen macht Angst.

Man muss es nicht einmal aufschreiben. Nach vier Minuten sind sie zurück. Der Junge kommt an Sonias Hand, ganz ernst, mit einem roten Luftballon, den ihm ihr Kollege gekauft hat, damit der Weg kürzer wird. Die Mutter kommt von der anderen Seite, umarmt ihn, als hätte sie ihn ein Jahr nicht gesehen, und sagt so oft „Danke“, dass es wie der Text eines Pasodoble klingt.

„Wie heißt du?“, fragt Sonia und geht vor ihm in die Hocke.

„Mario. Und ich war nicht verloren. Ich habe geguckt.“

Er hat recht. Ich notiere es am Rand, in kleinerer Schrift, weil es mir wichtig scheint: „War nicht verloren. Hat geguckt.“ Viele Dinge, die hier ankommen, sind auch nicht verloren. Sie schauen sich die Feria von einem anderen Ort aus an und warten, bis jemand sie abholt.

Um Viertel vor zwölf zähle ich nach. Elf Dinge verloren, elf gefunden. Übrig bleibt die Thermoskanne, und die gehört jetzt mir, habe ich beschlossen. Sonia klappt meinen Umschlag zu, streckt den Rücken und dreht wieder eine Runde übers Gelände, mit Warnweste und Lächeln. Da draußen gibt es immer jemanden, der etwas finden muss.

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Samstag, 3. Oktober

Dritter Feria-Tag

6:30
Halb sieben. Wenn der Ort aufwacht, ist hier nichts gewesen.

Es erzählt die Kehrmaschine der Straßenreinigung

Als wäre nichts gewesen

Calle Calzada · Samstag, 6:30

Um halb sieben am Samstagmorgen schläft Torrox mit offenem Mund. Die Rollläden sind unten, die Lampions hängen noch da und wissen nicht recht, was sie tun sollen, und der letzte Nachtbus hat vor einer halben Stunde seinen letzten Fahrgast abgesetzt. Jetzt ist meine Stunde. Ich bin die Kehrmaschine der Straßenreinigung, habe zwei runde Bürsten, die sich drehen wie Sevillanas-Tänzerinnen, und ein orangefarbenes Licht auf dem Dach, das ankündigt: Wir kommen.

Vor mir geht das Team zu Fuß: vier Straßenkehrer mit ihren Palmbesen, langstieligen Kehrschaufeln und Neonwesten. Sie kommen in die Winkel, in die ich nicht passe, und in Torrox gibt es viele, denn dieser Ort wurde für Esel gebaut und nicht für Maschinen. Ich kümmere mich um das Breite. Sie um alles andere.

Die Calle Calzada empfängt mich mit dem üblichen Inventar. Konfetti in allen Farben, das am Pflaster klebt, als hätte man ihm versprochen, bleiben zu dürfen. Sonnenblumenkernschalen in industriellen Mengen: Ich schätze, die halbe Axarquía ist hier Kerne knabbernd und fachsimpelnd vorbeigezogen. Papierservietten, Becherchen, ein Zuckerwattestiel und in einer Ecke eine rote Flamencoblume, die ihre Besitzerin verloren hat.

Merche, die Dienstälteste der Schicht, hebt die Blume vorsichtig auf und legt sie gut sichtbar auf eine Bank. „Falls sie zurückkommt“, sagt sie. Merche hat eine Regel: Was man zurückgeben kann, wird nicht gekehrt. So sammeln sich auf der Bank nach und nach die Blume, ein Zierkamm mit zwei fehlenden Zinken, eine Kindermütze mit Katzenohren und ein geschlossener, gepunkteter Fächer, sehr würdevoll.

„Der Fächer geht an die Ortspolizei“, sagt Merche. „Den wird jemand gegen Mittag vermissen, wenn die Hitze kommt.“

Ich mache weiter. Drehen, saugen, vorwärts. Das Wasser aus meinen Düsen lässt das Pflaster glänzen, und die Straße riecht nach nassem Stein, dem schönsten Duft, den es um diese Uhrzeit gibt. Eine Katze schaut mich von einem Fenster aus an, als wollte sie sagen: „Du schon wieder.“ Ein Bäcker fährt in seinem Lieferwagen vorbei, hebt die Hand und grüßt uns mit zwei sanften Hupern, von Frühschicht zu Frühschicht.

Das Beste an meiner Arbeit ist, dass sie niemand sieht. Das Zweitbeste auch. Wenn der Ort in ein paar Stunden die Rollläden hochzieht, wird er die saubere Straße sehen und denken, sie sei schon immer so gewesen, als wäre die Feria nie hier vorbeigekommen. Und das ist, auch wenn es nicht so scheint, ein Kompliment.

Am Ende der Straße halten wir kurz an. Einer der Jungs im Team, der Neue, stützt sich auf den Besen und schaut hinauf, wo die Lampions in der ersten Sonne Farbe bekommen. „Gestern Abend habe ich hier getanzt“, gesteht er. „Und jetzt kehre ich hier.“ Merche lacht: „Deshalb weißt du, was es wert ist.“

Um acht ist das Zentrum blitzblank. Heute Nachmittag kommen die Charanga zurück, die Rüschen und die Sonnenblumenkerne, so viel ist sicher. Und morgen um halb sieben kommen wir zurück, mit dem orangefarbenen Licht und den tanzenden Bürsten, um alles wieder so zu hinterlassen, als wäre nichts gewesen.

Man stellt mich in die Halle, den Tank halb leer und die Bürsten voller Konfetti. Das macht mir nichts. Das ist meine Art, auf die Feria zu gehen.

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♪ ♫ toro, toro!
Zwei Meter Kampfgeist. Und Luft. Vor allem Luft.

Es erzählt ein aufblasbarer Stier

Der Stier, der Angst vor Nadeln hatte

Plaza de la Constitución · Samstag, 16:30

Ich bin ein Stier. Wild, schwarz, mit mächtigen Hörnern, fast zwei Meter hoch. Und mit Luft gefüllt. Viel Luft. Sie blasen mich mit einem Gebläse auf, das mir im Bauch summt wie ein Bienenschwarm, und wenn ich mitten auf der Plaza de la Constitución aufstehe, beeindrucke ich. Etwa zehn Sekunden lang beeindrucke ich enorm. Dann weht ein Lüftchen, ich schwanke wie ein Stehaufmännchen, und die Sache verliert etwas an Ernst.

Es ist Feria-Samstag, halb fünf am Nachmittag, und heute ist Stiertreiben mit aufblasbaren Stieren. Wir sind vier: mein Bruder, der Rote, der eine schlecht geschlossene Naht hat und am Schwanz Luft verliert; der Gescheckte, der Größte, der sich für den Chef hält; der Kleine, ein Jungstier mit erschrockenem Gesicht; und ich, der Schwarze, der Klassiker, der von eh und je.

Vorn wärmt sich die Charanga auf. Die Trompete ertönt, die große Trommel dröhnt, und der Saxofonist spielt mit einer Sonnenbrille, so groß, dass er aussieht wie ein Insekt mit Rhythmus. Sobald der erste Ton von „Paquito el Chocolatero“ erklingt, dreht der ganze Platz durch. Und wenn der Platz durchdreht, kommen sie.

Die Kinder.

Vierzig, fünfzig, hundert, ich weiß es nicht. Mit roten Halstüchern, weißen T-Shirts mit Eisflecken und einer Energie, die, richtig gebündelt, die ganze Feria beleuchten könnte, ohne einen Euro zu kosten. Sie umzingeln uns. Sie jagen uns. Sie rufen „toro, toro!“ mit wilder Freude. Theoretisch müssten wir sie jagen, aber die Betreuer, die uns schieben, gehen in ihrem eigenen Tempo, und am Ende ist es umgekehrt: Das Dorf treibt den Stier in die Enge.

Ein kleiner Junge mit Brille klammert sich an meinen Hals und lässt nicht mehr los. Ein Mädchen mit einer Blume im Haar klopft mir auf den Rücken, wie man einem Pferd gratuliert. Ein anderer macht mit der Jacke seines Vaters Figuren wie ein Torero, sehr würdige Brustpässe für einen Sechsjährigen. Die Leute applaudieren bei jedem Pass, und jemand ruft vom Balkon nach Zugabe.

Ich habe nur eine Angst im Leben, und das ist nicht das rote Tuch. Es sind Stecknadeln. Haarnadeln. Bleistifte. Alles mit Spitze. Jedes Mal, wenn ich ein Kind mit einem Zuckerwattestiel sehe, sinkt mir der Mut. Dem Roten hat man letztes Jahr mit einem Ohrring ein Löchlein gestochen, und er endete den Nachmittag platt auf dem Gehweg wie ein Luftballon nach dem Kindergeburtstag. So will ich nicht enden. Nicht heute, während die Charanga spielt.

Mitten im Treiben kommt eine heimtückische Böe. Ich neige mich, neige mich noch ein bisschen mehr und stehe eine glorreiche Sekunde lang auf einem einzigen Bein, wie ein Ballettstier. Die Kinder kreischen. Die Charanga, die keine Gelegenheit auslässt, setzt einen Schlag auf die große Trommel drauf. Sieht einstudiert aus. Ist es nicht.

Ich finde das Gleichgewicht wieder. Der Platz applaudiert mir allein. Einen Moment lang fühle ich mich als Star der Feria.

Kurz nach fünf ist das Treiben vorbei. Die Kinder, verschwitzt und glücklich, gehen Wasser, Eis oder beides zugleich holen. Die Charanga zieht die Straße hinauf. Und mir schaltet man das Gebläse ab.

Ein seltsames Gefühl. Nach und nach verliere ich meinen Kampfgeist, die Hörner knicken ein, der Nacken wird schrumpelig, und am Ende liege ich auf dem Boden wie ein Stierkostüm ohne jemanden darin. Ein Junge, der vorbeikommt, bückt sich, tätschelt mir die Schnauze und sagt: „Morgen kommst du wieder, ja?“

Morgen komme ich nicht wieder. Ich komme nächstes Jahr wieder. Aber das Tätscheln behalte ich. Und dass ich heil schlafen gegangen bin, ohne einen Kratzer und mit dem Applaus des ganzen Ortes.

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7 Personen · 9 Törtchen
Sieben Personen, neun Törtchen. Feria-Mathematik.

Es erzählt eine Familie mitten im Waffenstillstand

Die Kapitulation um fünf Uhr nachmittags

Ein abgedunkeltes Wohnzimmer · Samstag, 17:00

Der Feria-Samstag duldet keine halben Sachen, und schon gar nicht zur Kaffeezeit. Im Wohnzimmer, die Rollläden halb heruntergelassen gegen die Schwüle der Straße und der Deckenventilator mit der Lustlosigkeit eines Montags drehend, verkündete das Klirren der Löffelchen an Porzellan den Beginn eines dringend nötigen Waffenstillstands.

Seit drei Tagen versprachen wir Mäßigung. Drei. Wir haben es am Mittwoch geschworen, nach dem ersten Feria-Abendessen. Wir haben es am Donnerstag wiederholt, nach dem zweiten. Am Freitag schwor es niemand mehr laut, aber es gab eine stillschweigende Übereinkunft: Dieses Jahr würde die Feria mit Sprudelwasser, Obst und franziskanischer Mäßigung überstanden. Meine Cousine brachte sogar eine Schale Trauben mit, als symbolische Geste. Die Schale stand unberührt auf dem Tisch und sah uns vorwurfsvoll an.

Jeder Anflug von Disziplin flog in genau dem Augenblick in die Luft, als mein Onkel über die Schwelle trat.

Er trug ein goldenes Papptablett mit einer roten Schleife, und das Gewicht verriet, dass die Konditorei im Ort ihr Bestes gegeben hatte. Er trug es mit beiden Händen auf Brusthöhe, wie jemand, der mit der Monstranz in die Kirche einzieht. Als er es auf die Wachstuchdecke stellte, klang das Knistern des Wachspapiers wie ein Startschuss.

„Heute ist eine Zuckerrevanche wohl verdient“, verkündete mein Onkel und löste den Knoten mit der Bedächtigkeit eines Sprengmeisters.

„Schatz, wir hatten doch gesagt …“, begann meine Tante.

„Wir haben vieles gesagt“, antwortete er, ohne vom Band aufzublicken.

Der Duft von gebrannter Vanillecreme, Zimt und frisch gebackenem Blätterteig überfiel das Zimmer auf einen Schlag. Da standen sie, dicht gedrängt wie Soldaten in Galauniform: Mille-feuilles mit Puderzuckerkrone, Piononos, getränkt in Sirup, und zwei Schoko-Windbeutel, die jeder Cholesterinuntersuchung offen trotzten. Wir zählten sie mit den Augen. Wir waren sieben. Es waren neun Törtchen. Die Mathematik der Feria ist grausam: zwei zu viel, und zwei ist die schlechteste Zahl für eine Familie.

Zehn Sekunden lang herrschte ehrfürchtige Stille. Niemand wagte als Erster zuzugreifen, um nicht wie ein Barbar dazustehen, aber die Blicke kreuzten sich, berechneten Flugbahnen, maßen Entfernungen und teilten Stücke mit den Augen zu. Meine Großmutter, die sich den ganzen Nachmittag nicht aus dem Sessel gerührt hatte, richtete sich ein paar Zentimeter auf. Eine winzige Geste. Aber alle verstanden, dass der Windbeutel in der Ecke schon eine Besitzerin hatte.

Der Widerstand hielt so lange, wie ein Schluck Kaffee zum Abkühlen braucht. Eine flinke Hand (ich sage nicht, wessen, aber die Tante mit dem „Schatz, wir hatten doch gesagt“ hat sehr gute Reflexe) stürzte sich auf den knusprigen Blätterteig, löste einen weißen Schauer über dem Tisch aus, und die Vernunft kapitulierte rettungslos. Nach zwei Minuten sah das Tablett aus wie ein Schlachtfeld: Krümel, Puderzucker überall und ein einsamer Pionono, den aus reiner Höflichkeit niemand zu beanspruchen wagte.

Wenn die Nacht Tanz bis in den Morgen auf dem Platz versprach, verlangte der Körper erstklassigen Treibstoff. Das sagten wir, mit vollem Mund und klebrigen Fingern, als wissenschaftliche Rechtfertigung.

Morgen kämen die Schuldgefühle zurück, das gedünstete Gemüse und die Traubenschale. Heute wurde die Feria bissweise gefeiert.

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ein Löwe!
Siebzehn Blasen, ein Knie und ein Löwe. Nichts Schlimmes, und das mögen wir am liebsten.

Es erzählt der Verbandskasten der Sanitätsstation

Pflaster mit Bildchen

Festgelände, Llano de la Almazara · Samstag, 21:00

Ich bin der Verbandskasten der Sanitätsstation auf dem Festgelände. Eine orangefarbene Kiste mit Griff, zwei Verschlüssen, die klick machen, und drinnen perfekte Ordnung: Mullkompressen nach Größe, Binden wie Schneckenhäuser, das Blutdruckmessgerät in seiner Hülle aufgerollt, Kochsalzlösung, Handschuhe und mein größter Schatz, der nicht das ist, was ihr denkt. Es ist die Schachtel mit den Bildchenpflastern.

Am Feria-Samstag um neun Uhr abends riecht das Festgelände nach Churros, Zuckerwatte und neuen Schuhen. Letzteres rieche ich besser als jeder andere, denn neue Schuhe sind meine Hauptkundschaft. Von zehn Leuten, die durch die Tür der Station kommen, humpeln sieben mit einem entschuldigenden Lächeln herein, die Schuhe in der Hand.

„Die habe ich mir für die Feria gekauft“, sagt die Erste, eine junge Frau in einem grünen Rüschenkleid. „Ich trage sie zum ersten Mal.“

Nacho, der Krankenpfleger, nickt wie jemand, der diesen Satz schon vierhundertmal gehört hat. Und er hat ihn vierhundertmal gehört. Er reinigt, versorgt, klebt ein spezielles Blasenpflaster auf und gibt ihr einen Rat, der fast eine Lebensphilosophie ist: „Neue Schuhe nur stundenweise. Und zum Tanzen die alten.“

Dann kommt ein Sechsjähriger mit aufgeschürftem Knie und riesigem Stolz. Er ist auf dem Weg zur Losbude gestürzt, sagt aber, es tue nicht weh, während sein Kinn ein wenig zittert. Die Rettungssanitäterin fragt ihn nach seinem Lieblingstier und öffnet meine Bildchenpflaster-Schachtel wie eine Schatztruhe. Der Junge wählt einen Löwen. Er verlässt die Station und zeigt ihn allen, das Knie voran, als wäre es eine Medaille.

Um halb zehn kommt ein älterer Herr herein, sehr ordentlich gekämmt, setzt sich und schielt zu mir herüber. Ihm fehle nichts, sagt er. Er möchte nur den Blutdruck messen lassen, wo er schon mal da ist. Nacho misst ihn in aller Ruhe. Bestwerte. „Wie ein junger Bursche“, sagt er. Der Herr steht aufrechter auf, als er hereingekommen ist, und geht seine Frau suchen, um es ihr zu erzählen.

Es gibt auch eine junge Frau mit leichtem Schwindel, die den Nachmittag in der Sonne verbracht hat, ohne Wasser zu trinken. Man setzt sie in den Schatten, gibt ihr eine kühle Flasche und erzählt ihr einen schlechten Witz. Nach zehn Minuten geht es ihr gut, und nach fünfzehn lacht sie über den Witz, und dann weiß man wirklich, dass sich jemand erholt hat.

Was mir an diesem Team am besten gefällt, ist ihre Arbeitsweise: nach außen ohne Eile und innen alles vorbereitet. Sie wissen, dass es fast immer eine Blase, ein Knie oder ein Hitzschlag sein wird. Aber sie sind auf alles vorbereitet, dafür sind sie ja da. Und trotzdem behandeln sie jede Blase, als wäre sie die wichtigste der ganzen Feria.

Um Mitternacht ziehen wir Bilanz: siebzehn Blasen, ein Knie, ein Schwindel, drei perfekte Blutdruckwerte und eine unter einem Stuhl gefundene Brille, die schon wieder bei ihrem Besitzer ist. Nichts Schlimmes. Die beste Nachricht, die ein Verbandskasten überbringen kann.

Nacho schließt mich, klick und klick, und stellt mich ins Regal. Mir bleiben zwanzig Bildchenpflaster. Morgen müssen die Löwen nachgefüllt werden, die sind immer als Erste weg.

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♪ ♫ 22:20 lauf!
Drei Familienpizzen „zum Teilen“. Zwanzig nach zehn.

Es erzählt eine hungrige Clique in Eile

Die Verschwörung der Vier Jahreszeiten

Calle Calzada · Samstag, 22:20

Der ursprüngliche Plan für Samstagabend war ein Denkmal der Vernunft. Wir hatten uns für neun Uhr verabredet, nach strengem Konsens, sogar in der WhatsApp-Gruppe mit Umfrage und allem abgestimmt: ein schnelles, leichtes, unkompliziertes Abendessen, um einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern, bevor um elf das Konzert auf der Feria-Bühne von Torrox begann. Wir hatten kalte Limos dabei, Wasserflaschen im Rucksack gegen die Hitze der Menge und das feste Versprechen, uns nicht vollzustopfen, damit wir bei „Sabor de amor“ ohne Verdauungsrisiko springen konnten. Jemand schlug Salat vor. Niemand hörte auf ihn, aber die Geste wurde gewürdigt.

Die Vernunft hielt genau so lange, bis wir um die Ecke in die Calle Calzada bogen.

Dort brach die Meuterei aus. Der Duft des Holzofens kam aus der Pizzeria wie der Arm aus einem Zeichentrickfilm und packte uns an der Nase. Jemand (Rafa, immer Rafa) sprach das verbotene Wort aus: „Und eine Pizza zum Teilen?“ Bevor die vernünftige Fraktion auch nur eine Gegenstimme abgeben konnte, kamen zwei aus der Gruppe schon mit einem wackeligen Turm aus drei dampfenden Kartons heraus. „Zum Teilen“, sagte Rafa. Drei Familienpizzen für sechs Personen. Das ist nicht Teilen, das ist eine Verpflegungsstation.

Adieu, genügsames Knabbern; hallo, geschmolzener Käse, der sich in endlosen Fäden über das Pflaster zieht.

Wir bestellten eine Vier Jahreszeiten, eine Barbecue und eine mit Schinken und Champignons. Die Vier Jahreszeiten war die umstrittenste: Einer wollte nur die Schinken-Jahreszeit, eine weigerte sich strikt, die Artischocken-Jahreszeit zu essen, und einer behauptete, in Torrox gebe es im Oktober nur eine Jahreszeit, und die heiße Sommer. Diese Klimadebatte kostete uns fünf kostbare Minuten.

Eine Familienpizza im Stehen mitten auf einem belebten Hang zu essen und dabei zu jonglieren, um das Feria-Hemd nicht zu bekleckern, während man eine Limodose zwischen den Knien hält, sollte olympisch sein. Lucía aß mit ausgestrecktem Arm, als hätte sie Angst vor der Pizza, um ihre weiße Bluse zu retten. Rafa dagegen war schon beim fünften Stück, mit einem Tomatenfleck auf der Brust in exakt der Form der Iberischen Halbinsel.

Um zwanzig nach zehn war die Anspannung unerträglich. Die Uhr lief unerbittlich, eine Windböe hätte beinahe einen Kartondeckel davongetragen, und es blieben drei verwaiste Stücke, die aus purer Feierehre niemand zurücklassen wollte. Pizza wegzuwerfen bringt auf der Feria Unglück. Das sagt niemand, aber alle wissen es.

Wir erledigten den letzten Rand im Laufschritt, wischten uns die Finger an einer einzigen Wunderserviette ab, die wie eine Reliquie von Hand zu Hand ging, und rannten lachend und schnaufend den Hang hinauf. Als wir zum Platz abbogen, erklangen die ersten Akkorde der E-Gitarre, und die Stimme des Sängers begrüßte den Ort.

Wir kamen erhitzt an, die Verdauung am Limit und mit Oregano-Atem, aber übersprudelnd vor Freude und bereit, das Abendessen mit spanischem Pop zu verbrennen. Die erste Reihe haben wir nicht erwischt. Wir erwischten die siebte. Aber als „Sabor de amor“ kam, sprangen wir trotzdem. Vorsichtig allerdings. Ganz sachte. Wegen der Pizza.

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im Dienst gefallen
Sieben Zentimeter Würde und ein Hund ohne Geschmack.

Es erzählt ein Spulenabsatz

Überlebender des Sandbodens

Eine Caseta · Samstag, im Morgengrauen

Meine berufliche Laufbahn endete abrupt in der dritten Figur der vierten Sevillana, genau als die Kapelle beschloss, das Tempo anzuziehen, als würde sie pro Schlag bezahlt. Bis dahin war ich ein respektabler Spulenabsatz: sieben Zentimeter Würde, mit rotem Wildleder bezogen, passend zu den Tupfen des Kleides. Kein Plastik, keine Imitationen. Ein Absatz vom Schuhmacher, wie eh und je, einer von denen, die man mit der Warnung verkauft: „Den muss man erst zähmen.“

Drei Feria-Tage hatte ich wie ein Champion durchgehalten. Ich hatte Rebujito-Pfützen zweifelhafter Herkunft umschifft, fremde Tritte, tückische Stufen und die Kilometer, die Maricarmen zwischen Caseta, Turrón-Stand und Losbude zurücklegt, wo sie übrigens nie etwas gewinnt. Drei Tage. Ich sah mich schon ehrenvoll in einem Schuhkarton oben auf dem Schrank in Rente gehen und den Gummistiefeln Kriegsgeschichten erzählen.

Aber dieser letzte Zapateado auf den Brettern der Caseta war mein Todesurteil.

Es knackte trocken, wie ein brechender Ast. Ich spürte, wie der Leim und die zwei Nägel, die mich mit der Sohle verbanden, ohne Vorwarnung kapitulierten: Einer schoss Richtung Theke davon, der andere ergab sich mit einem metallischen Seufzerchen. Maricarmen, ahnungslos, drehte sich triumphierend mit erhobenen Armen. Ich blieb zwischen zwei schlecht verlegten Dielen stecken und starrte zur Lampiondecke hinauf wie ein auf dem Schlachtfeld gefallener Soldat.

Meine Sohlengefährtin davonziehen zu sehen war niederschmetternd. Und Maricarmen brauchte keine halbe Sekunde, um die Symmetrie zu verlieren. Aus dem Schreiten einer Feria-Königin wurde ein Humpeln von höchst komischer Kadenz, ein Fuß in der Alhambra, der andere im Keller, eine Schulter hoch, eine runter, als tanze sie aus Versehen Reggaeton. Ihre Cousine hielt es für einen neuen Schritt und machte ihn nach. Dann kamen zwei weitere dazu. Eine glorreiche Minute lang tanzte die halbe Caseta aus unfreiwilliger Solidarität humpelnd. Ich wusste vom Boden aus nicht, ob ich weinen oder mich als Choreograf fühlen sollte.

Endlich merkte Maricarmen es. Sie sah nach unten, sah ihren gestutzten Schuh, sah ihre Freundinnen an und sagte den Satz, der mir das Herz brach:

„Und die haben mich im Schlussverkauf vierzig Euro gekostet!“

Schlussverkauf. Drei Tage tadelloser Dienst, und so wurde ich verabschiedet. Nicht einmal eine Schweigeminute.

Dann kam das Schlimmste. Eine Flut aus Espadrilles, Stiefeletten und Bastplateaus kickte mich gnadenlos nach draußen. Ich rollte über das Podest, sprang über die Stufe und flog zur Tür hinaus wie ein Cowboy, der aus dem Saloon geworfen wird. Jetzt ruhe ich hier, an den Bordstein eines Gehwegs in Torrox gelehnt, und betrachte den Rüschenumzug aus der Perspektive einer Kippe.

Ein Straßenhund kam, um mich skeptisch zu beschnuppern. Er drehte zwei Runden um mich, rümpfte die Schnauze und entschied, dass ich nicht einmal als Knochen tauge. Er ging, ohne sich zu verabschieden. In diesem Ort haben sogar die Hunde Geschmack.

Meine Besitzerin verhandelt jetzt wohl mit einer vorausschauenden Freundin über ein Paar Ersatzballerinas, oder sie hat sich dem Barfußgehen ergeben, das zu später Stunde auf jeder andalusischen Feria die angesagte Mode ist. Ich habe unterdessen erreicht, wovon viele träumen: Frührente mitten im Fest, mit Straßenblick und Livemusik.

Wenn jemand fragt, sagt, ich sei im Dienst gefallen, ein Opfer der Kunst und übermäßiger Begeisterung. Und schreibt auf meinen Grabstein: „Er hielt drei Tage. Die Sevillana vier.“

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Sonntag, 4. Oktober

Letzter Tag · Schutzheilige

34 °C!
Die Laterne um zwei Uhr nachmittags. Man beachte den Schweiß.

Es erzählt die Laterne mitten auf dem Platz

Die gebratene Wächterin

Plaza de la Constitución · Sonntag, 14:00

Mitten auf der Plaza de la Constitución von Torrox zu stehen hat seine Vorteile: beste Aussicht, abwechslungsreiche Unterhaltung und eine feste Stelle, um die mich viele beneiden. Das Problem kommt, wenn es mitten in der Oktober-Feria zwei Uhr nachmittags schlägt und das Thermometer beschließt, den Kalender mit aller Unverschämtheit der Welt zu ignorieren. Oktober, sagen sie. Oktober in Torrox ist August mit einer Jacke im Schrank, für alle Fälle.

Ich bin die Laterne in der Mitte. Drei Arme aus Gusseisen, herrschaftliche Haltung und eine makellose Nachtakte. Nachts bin ich unentbehrlich. Tagsüber, mit ausgeschalteten Birnen und bei senkrecht herunterbrennender Sonne, beschränkt sich meine Aufgabe darauf, Haltung zu bewahren, ohne zu schmelzen, und als Treffpunkt zu dienen. „Wo treffen wir uns?“ „An der Laterne.“ Einfach so, ohne weitere Angaben. Ich bin ein gusseisernes Navi.

Zum Glück hat die Gemeinde dieses Jahr einen Baldachin aus bunten Regenschirmen über unsere Köpfe gehängt. Ein schwebendes Gewölbe aus Grün, Gelb und Pink, das die pralle Sonne dämpft und ein psychedelisches Mosaik auf den Boden wirft. Der Schatten ist willkommen, keine Frage, aber ich komme mir ein bisschen lächerlich vor, umgeben von so viel aufgespanntem Stoff, ohne dass ein Tropfen fällt. Ich sehe aus wie die ernste Tante auf einer Hochzeit, auf der alle einen Partyhut tragen. Ein Tourist hat elf Fotos von mir gemacht. Elf. Es fehlte nur noch, dass er mich bittet zu lächeln.

Zu meinen Füßen gönnt die Tages-Feria keine Pause. Eine Kapelle legt auf der Bühne am Ende des Platzes mit mehr Dezibel als Stimmung einen Pasodoble hin. Der Trompeter spielt nach seiner Fasson, das Keyboard nach einer anderen und der Sänger nach einer dritten, die die Wissenschaft noch nicht entdeckt hat. Egal. Die Hitze drückt, aber den Leuten ist das einerlei: Fächer, die im Düsenantrieb die Luft peitschen, Rebujito-Gläser in unmöglichen Balanceakten und eine Gruppe Tapferer, die auf dem Pflaster steppen, als sei der Boden gefroren und man müsse sich aufwärmen.

Vor einer Weile hat sich ein Herr im geblümten Hemd und mit Strohhut an meinen Schaft gelehnt, um ein Steinchen aus dem Schuh zu schütteln. Schwerer Fehler. Fast wäre ihm die Hand am Eisen kleben geblieben, das um diese Uhrzeit so heiß ist wie die Platte einer Churrería. Er machte einen Satz, eines Profitänzers würdig, stieß ein „Verfl…!“ aus, das ich aus Respekt vor den anwesenden Kindern nicht zu Ende führe, und die Umstehenden, die es für einen Teil des Tanzes hielten, applaudierten ihm. Der Mann, der sich keinen Beifall entgehen lässt, schloss mit einem Sevillanas-Schritt ab. Kunst.

Ein Mädchen hat mir einen Kaugummi an den Sockel geklebt. Ein Pärchen hat ein Selfie gemacht und mich dabei umarmt, als gehörte ich zur Familie. Und eine Taube sitzt seit zwanzig Minuten auf meinem linken Arm und schaut mich an, als überlege sie einzuziehen. Alles normal.

Ich schaue ans Ende des Platzes, zur Bühne, wo die Techniker zwischen Kabeln, Lautsprechern und einer Rolle Panzerband, die vermutlich die halbe Bühne zusammenhält, das Licht testen. Ich lächle durch mein staubiges Glas. Ich weiß ganz genau: Sobald die Sonne hinter den weiß gekalkten Häusern verschwindet und die Schirme nur noch Dekoration sind, bin ich dran.

Ich habe mehr Ferias auf dem Buckel, als ich zählen kann. Und heute Nacht werde ich, wie immer, als Erste angehen, irgendeinen schiefen Lampion auf dem Rücken ertragen und die Stolperer der Leute bis in den Morgen beleuchten, wenn der letzte Nachzügler gegen mich läuft, sich entschuldigt und mir Gute Nacht sagt, als gehörte ich zur Familie.

Bis dahin begnüge ich mich damit, nicht vor dem Abendessen durchzubrennen. Und damit, dass die Taube sich bitte entschließt, woanders hinzuziehen.

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Klack!
Das pinkfarbene Band, genau im Moment des Klack!

Es erzählt, wer Lauras Hand hält

Liebe im Galopp und mit Händedruck

Complejo La Granja · Sonntag, 17:00

Der Feria-Sonntag verzeiht keine angesammelte Müdigkeit, aber der Platz des Reiterspektakels von Torrox war ein Hexenkessel, in dem niemand blinzelte. Zwischen dem feinen Staub, den die Hufe aufwirbelten, und dem Geruch von Leder und Sand hielt ich Lauras Hand, mit einer Mischung aus romantischer Hingabe und kaltem Schweiß. Kein Wunder. Wir hatten vier Tage Fest in den Knochen, meine Fußsohlen schmerzten, als wäre ich den Jakobsweg in Flipflops gegangen, und obendrein hatte ich darauf bestanden, das Ringstechen direkt an der vordersten Absperrung zu sehen. Meine Idee. Niemand hat mich gezwungen. Nur fürs Protokoll.

„Wenn du loslässt, verschluckt uns die Flut aus Leinenhemden“, warnte sie mir ins Ohr und quetschte meine Knöchel mit der Kraft einer hydraulischen Zange.

Laura ist ein reizender, sanfter Mensch mit kleinen Händen. Kleinen Händen, die in Stresssituationen den Druck einer Olivenpresse entwickeln. Das wusste ich seit dem ersten Elfmeterschießen, das wir zusammen gesehen haben. Trotzdem habe ich weitergemacht. So ist die Liebe.

In der Arena begann ein imposanter Schimmel mit geflochtener Mähne ans Ende zu traben, um Anlauf zu nehmen. Der Reiter, aufrecht wie eine Spindel, in tadelloser kurzer Jacke und mit einem Schnurrbart, der eigenen Applaus verdiente, hielt in der rechten Hand einen Holzdorn, dünn wie ein Bleistift. Fünfzig Meter entfernt, an einem zwischen zwei Pfosten gespannten Seil, flatterte eine Reihe leuchtend bunter Seidenbänder, aufgewickelt auf kleine Spulen. Die Aufgabe wirkte wie Zauberei: in vollem Galopp einen Ring von der Größe einer Euromünze aufspießen, um den Preis abzurollen, ohne das Pferd zu bremsen. Ich treffe an manchen Tagen nicht einmal mit dem Schlüssel ins Schloss, wenn das Auto steht.

„Glaubst du, er schafft es?“, flüsterte Laura.

„Wenn er es schafft, lade ich dich zu Churros ein.“

„Wenn er es schafft, lädst du mich sowieso zu Churros ein.“

Es war auch keine Verhandlung.

Das Pferd fiel in gestreckten Galopp. Der Boden bebte unter unseren Sohlen im Takt eines Hausgebrauchserdbebens. Das Publikum hielt gleichzeitig den Atem an: Die Stille war so dicht, dass man nur das Schnauben des Tieres hörte, das die heiße Nachmittagsluft zerriss, und im Hintergrund eine Tüte Sonnenblumenkerne, die jemand im denkbar schlechtesten Moment öffnete. Laura bohrte mir die Nägel in die Handfläche; ich könnte schwören, dass meine Durchblutung in diesen drei Sekunden aussetzte und ich den kleinen Finger für immer nicht mehr spürte. Der Reiter streckte den Arm, kniff ein Auge zu und stach nach dem pinkfarbenen Band.

Klack!

Der Dorn fuhr sauber durch den Ring, die Spule drehte sich und gab zwei Meter Satin in den Wind frei, und die Menge brach in ohrenbetäubenden Jubel aus Klatschen und Anfeuerungen aus. Laura sprang mir jubelnd um den Hals und brachte mich rückwärts aus dem Gleichgewicht, unter dem Gelächter der Nachbarn und dem Applaus eines Herrn, der rief: „Der Sturz gibt auch Punkte!“

Vom Boden aus, die Haare voller Sand und die Finger noch taub von ihrem Griff, war es mir völlig klar: Ein Ringstechen an der Hand der Freundin zu überleben, ist die riskanteste Sportart der ganzen Feria. Und die Churros hatte an diesem Nachmittag ich mir verdient.

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danke, mein Junge
Orange, mit Streifen, die leuchten. Darin ein Mann, der von Montag bis Freitag arbeitet und hierherkommt, weil er es will.

Es erzählt die Weste eines Freiwilligen des Katastrophenschutzes

Orange im Dienst

Paseo de las Moreas · Sonntag, 20:00

Ich bin die Weste eines Freiwilligen des Katastrophenschutzes. Orange, mit Streifen, die leuchten, wenn Licht darauf fällt, und einer Brusttasche, in die ein Notizblock, ein Kuli und eine Packung Taschentücher passen. Von Montag bis Freitag hänge ich auf einem Bügel. Der, der mich trägt, Fermín, arbeitet in einer Autowerkstatt; unter der Woche riecht er nach Öl und Schrauben. Zur Feria riecht er nach mir.

An diesem Sonntag um acht Uhr abends haben wir den heikelsten Einsatz von allen: die Prozession, die die Schutzheiligen von der Pfarrkirche in ihr Heiligtum überführt. Fermín ist seit sieben am Paseo de las Moreas, mit zwei Kollegen, einem Wasserkanister und Kisten voller Fläschchen. Seine Aufgabe ist, dass alle ruhig dabei sein, sehen und mitgehen können. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Die Promenade füllt sich langsam. Ganze Familien, Nachbarn, die von der Küste heraufgekommen sind, Großmütter mit Fächern und Enkel im Sonntagsstaat. Manche kommen seit siebzig Jahren jedes Jahr, andere zum ersten Mal. Fermín öffnet mit den Armen einen Durchgang, freundlich, ohne die Stimme zu heben: „Ein Schrittchen zurück, bitte, die Älteren kommen durch.“ Und die Leute machen das Schrittchen.

Eine Dame über achtzig hat keinen Platz im Schatten mehr bekommen. Fermín holt einen Klappstuhl aus dem Auto, stellt ihn in die erste Reihe und gibt ihr ein Fläschchen Wasser. Die Dame nimmt seine Hand, tätschelt sie zweimal und sagt, er sei genau wie ihr Enkel, der auch sehr lieb sei. Fermín wird rot. Ich bleibe außen orange.

Als die Prozession die Promenade erreicht, ändert sich alles. Es wird still, ohne dass es jemand befiehlt oder darum bittet: Die Stille kommt von selbst. Auch Fermín bleibt stehen, an seinem Platz, aufmerksam für Straße und Menschen zugleich. Das ist der Teil seiner Arbeit, der in keinem Handbuch steht: sich richtig zu verhalten. Zu respektieren, was für so viele Nachbarn das Wichtigste der Feria ist, und dabei niemanden aus den Augen zu verlieren.

Ein kleiner Junge will alles sehen und schlüpft Richtung Fahrbahn. Fermín bringt ihn mit einer Hand auf der Schulter und einem Lächeln an seinen Platz zurück, ohne ein lautes Wort. Die Mutter dankt ihm mit einem Blick. Einem Herrn wird in der Hitze etwas schwindlig, und die Kollegen begleiten ihn zu einer Bank, mit Wasser und ein bisschen Schatten. Mehr nicht. Niemand bekommt etwas mit, und genau so muss es sein.

Die Prozession zieht weiter zur Calle Almedina und zum Heiligtum, und mit ihr geht die Menge, nach und nach, wie die Ebbe. Fermín sammelt die leeren Flaschen ein, klappt den Stuhl zusammen und setzt sich einen Moment auf den Bordstein. Die Füße tun ihm weh. Er betrachtet meine leuchtenden Streifen, ein bisschen schmutzig, und lacht vor sich hin.

„Wieder ein Jahr, Kollegin.“

Niemand bezahlt ihn dafür. Keiner der Freiwilligen bekommt einen Euro dafür, die Feria auf den Beinen zu verbringen, Wasser zu verteilen und Durchgänge freizuhalten. Sie tun es, weil sie wollen, dass die Feste ihres Ortes gut gehen. Und sie gehen gut, auch weil sie da sind.

Heute Nacht komme ich wieder auf den Bügel. Am Montag geht Fermín wieder in die Werkstatt. Aber in meiner Brusttasche bleibt etwas, das die Dame hineingesteckt hat, ohne dass er es merkte: ein Pfefferminzbonbon in Papier, mit einem Zettel in Bleistift: „Danke, mein Junge.“

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keine besonderen Vorkommnisse
Aufgerollt, angeschlossen und bereit. Seine beste Nacht ist die, in der man ihn nicht braucht.

Es erzählt der Schlauch des Feuerwehrautos

Aufgerollt und in Frieden

Beim Convento · Sonntag, 22:30

Ich bin ein Feuerwehrschlauch. Zwanzig Meter rotes Gewebe, eine glänzende Metallkupplung und unendliche Geduld. Ich wohne aufgerollt an der Seite des Wagens, wie ein riesiges Schneckenhaus, und habe eine ganz eigene Art zu messen, ob eine Nacht gut gelaufen ist: Je weniger ich rausmuss, desto besser.

Am Sonntagabend stehen wir in Bereitschaft beim Convento, denn um halb elf beginnt das große Feuerwerk. Wir kommen rechtzeitig, bevor alles voll ist. Die Feuerwehrleute prüfen mit mir den Bereich, testen den Druck, rollen ein Stück aus und wieder ein. Ein Ritual. Wie wenn man am Vorabend das Flamencokleid anprobiert, um zu sehen, ob es noch passt.

Wir sind fünf Kollegen in der Schicht. Der Einheitsführer, der wenig redet und viel schaut. Eine junge Feuerwehrfrau, die heute Morgen in der Schule ihrer Nichte das Fahrzeug gezeigt hat und noch Sternchenaufkleber auf dem Helm hat. Und drei weitere, die schon so viele Ferias hinter sich haben, dass sie die Reihenfolge der Raketen auswendig kennen.

Der Pyrotechniker kommt vor dem Start zum Grüßen vorbei. Sie kennen sich von anderen Jahren. Sie geben sich die Hand, gehen den Plan in zwei Sätzen durch, und jeder geht auf seinen Posten. Mehr Worte braucht es nicht: Beide wollen dasselbe, dass sich der Himmel füllt und der Boden nichts davon merkt.

Um Punkt halb elf steigt die erste Rakete. Die Leute sagen „Ohhh!“, und ich sage es im Wagen innerlich auch. Denn obwohl ich ein Schlauch bin, liebe ich Feuerwerk. Ich mag die, die sich wie goldene Palmen öffnen, die, die knistern wie eine Pfanne voller Churros, und die, die eine Sekunde brauchen, bis sie explodieren, wenn der ganze Ort gleichzeitig den Atem anhält.

Die Feuerwehrleute schauen nur ab und zu in den Himmel. Den Rest der Zeit schauen sie auf den Boden, die Bäume, die Dächer und die herabfallenden Funken. Das ist ihre Art, das Feuerwerk zu genießen: aus dem Augenwinkel, die Hand in meiner Nähe. Die junge Feuerwehrfrau erlaubt sich ein riesiges Lächeln, als eine grün-weiße Kette explodiert, und der Einheitsführer, der es gesehen hat, tut so, als hätte er nichts gesehen.

Das Finale ist ein Böllerfeuer, das die Scheiben klirren lässt. Dann Stille, Rauch und ein Applaus, der von überall kommt, von der Promenade, von den Balkonen und vom Convento. Irgendwo in diesem Rauch, da bin ich sicher, schwebt glücklich die letzte Bombe der Nacht, die ohne Murren auf ihren Einsatz gewartet hat.

Wir machen die letzte Runde. Alles in Ordnung. Kein Funke, wo er nicht hingehört, kein nervöser Busch. Der Einheitsführer meldet es per Funk mit meinem Lieblingssatz des Jahres: „Keine besonderen Vorkommnisse.“ Alle fünf nehmen gleichzeitig den Helm ab, als hätten sie es geprobt.

Wir fahren mit ausgeschaltetem Blaulicht und ohne Eile zur Wache zurück. Ich bin immer noch aufgerollt, trocken und in Frieden. Manche Schläuche prahlen damit, wie oft sie im Einsatz waren. Ich prahle mit dieser Nacht, in der ich nicht rausmusste, um in der ersten Reihe zu sitzen.

Morgen prüft man mich noch einmal, für alle Fälle. Immer für alle Fälle. Dafür sind wir da.

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ohhh!
Das Schlussfeuer, von unten gesehen. Bis nächstes Jahr.

Es erzählt die goldene Palme des Finales

Die Letzte, die aufsteigt

Beim Convento · Sonntag, 22:30

Ich heiße goldene Palme, zweihundert Millimeter, obwohl man mich in der Werkstatt „die Dicke“ nennt. Ich wohne in einem Papprohr, das in der Erde steckt, nahe dem Convento, umgeben von Leidensgenossen: Raketen, Bomben, Böller, Chrysanthemen, ein paar Vulkane und eine Reihe Wunderkerzen, die ununterbrochen reden. Es ist Sonntag, der letzte Feria-Tag, und um halb elf beginnt das große Feuerwerk. Ich beschließe die Vorstellung. Ich bin das Sahnehäubchen. Das „Bis nächstes Jahr“.

Ich will nicht angeben, aber es ist ein Posten mit großer Verantwortung.

Aus meinem Rohr sehe ich nicht viel: ein Stück Himmel, ein paar Sterne und die Stiefel des Pyrotechnikers, eines ernsten Mannes mit Helm und Warnweste, der den ganzen Nachmittag Kabel geprüft, Rohre gezählt und leise wiederholt hat: „Das ja, das ja, das auch.“ Wenn er an mir vorbeikommt, bleibt er stehen, klopft auf die Pappe und sagt: „Du, die Letzte.“ Ich weiß, Chef. Ich weiß.

Meine Nachbarn sind etwas anderes. Links habe ich eine grüne Chrysanthemenbombe, die seit Mittag nervös ist und alle zehn Minuten fragt, ob das wehtut. Rechts einen Warnböller, klein und dickköpfig, der die ganze Zeit damit angibt, dass er „der Lauteste“ sein wird. Klar. Dich hört man bis Frigiliana. Und dann erinnert sich keiner an dich.

In der Ferne hört man den Ort. Um acht ist die Prozession mit den Schutzheiligen zu ihrem Heiligtum aufgebrochen, und noch schwebt jene respektvolle Stille in der Luft, die die Glocken hinterlassen. Jetzt kehrt nach und nach das Stimmengewirr des Festes zurück: Leute, die einen Platz suchen, Kinder auf Mauern, Cliquen mit Kernetüten und Paare, die fünf Tage Feria in den Knochen haben und nur noch aus Liebe aufrecht stehen.

Halb elf. Es wird still, so still, wie es nur kurz vor dem Feuerwerk wird.

Bumm! Die erste steigt, eine Signalrakete, die pfeift wie ein Wasserkessel und weiß zerplatzt. Der Ort antwortet mit dem ersten „Ohhh!“ des Abends. Dann folgen die anderen, in Wellen: Chrysanthemen, kleine Palmen, Vulkane, die Funken spucken, und Kaskaden, die wie Goldregen fallen. Meine Nachbarin, die grüne Chrysantheme, schießt davon, ruft etwas, das ich nicht verstehe, und zerplatzt wunderschön, riesig, perfekt. Ich sage es ihr von unten, obwohl sie mich nicht mehr hört.

Auch der dickköpfige Böller geht los, und tatsächlich, er ist ohrenbetäubend laut. Drei Autoalarmanlagen springen an, und einem Herrn in der ersten Reihe fällt vor Schreck die Kernetüte herunter.

Das Feuerwerk geht weiter. Zwanzig Minuten Farben, Rauch, Funken und „Ohhh!“. Und ich warte in meinem Rohr. Es bleiben immer weniger Kameraden, es wird immer mehr Rauch, und die Stiefel des Pyrotechnikers kommen immer näher.

Das Finale kommt. Der Rhythmus wird schneller, die Explosionen häufen sich, und der Himmel sieht aus wie eine Flamencobühne kurz vor dem Einsturz. Die Leute applaudieren, ohne zu wissen, ob es schon vorbei ist. Und dann spüre ich die Hitze an der Zündschnur.

Ich steige.

Ich steige, wie ich noch nie gestiegen bin, und ziehe eine Goldspur über das Convento, die weißen Dächer, die Lampions und all die Menschen, die mit offenem Mund nach oben schauen. Eine Sekunde lang sehe ich alles: den ganzen Ort, den Platz, das Meer in der Ferne, das beleuchtete Riesenrad. Fünf Tage Feria in einem einzigen Blick.

Und ich zerplatze. Ich öffne mich zu einer gigantischen goldenen Palme, die den Himmel über Torrox von einem Ende zum anderen bedeckt und langsam, ganz langsam, in Goldfäden herabfällt. Unten das längste „Ohhh!“ des Abends. Danach ein Applaus, der nicht enden will.

Jetzt bin ich Rauch. Rauch, der zur Plaza de la Constitución zieht, wo das letzte Konzert gleich die Feria beschließt. Ich bleibe eine Weile dort, schwebe über den Leuten und höre das letzte Lied.

Es war mir eine Ehre, die Letzte zu sein. Bis nächstes Jahr, Torrox.

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over verstanden
Fünf Tage „verstanden“. Und eine letzte Nachricht an alle.

Es erzählt das Funkgerät der Organisation

Over and out

Plaza de la Constitución · Sonntag, 23:59

Ich bin das Funkgerät der Feria-Organisation. Schwarz, mit kurzer Antenne, einem Lautstärkeregler, den ich fast nie herunterdrehe, und einem Clip, der seit Mittwochmorgen an einem Gürtel hängt. Wer wissen will, wie die Feria von Torrox wirklich war, soll sich nicht die Fotos ansehen. Er soll mir zuhören.

Am Mittwoch um acht begann alles mit einer Stimme vom Aufbautrupp: „Bühne auf dem Platz fertig, over.“ Dann die Elektriker: „Portal geprüft, Verteiler zwei bereit zum Einschalten, over.“ Dann der Ton: „Test, Test … Hört ihr mich? Over.“ Wir hörten sie. Wir hörten sie jeden Tag.

Über meinen Kanal ist die ganze Feria gelaufen, aber hinter den Kulissen. Die Ortspolizei meldete ein falsch geparktes Auto in einer Einfahrt und einen Jungen, der nicht verloren war, sondern geguckt hat. Die Guardia Civil koordinierte den Verkehr auf der Landstraße. Der Katastrophenschutz bat um mehr Wasser für den Paseo de las Moreas. Die Sanitätsstation sagte Nacht für Nacht den schönsten Satz meines Repertoires: „Alles ruhig, nur Blasen.“

Durch mich sprachen die Fahrer der Nachtbusse, die Fahrgäste zählten wie Schäfchen: „Letzte Rückfahrt mit zweiunddreißig, alle zu Hause.“ Die Köchinnen der Paella, die um Viertel vor zwei eine Ersatzgasflasche anforderten. Die Kellner der Casetas, die nicht wussten, ob noch Eis für die Getränke da war. Die Gärtner der Jardines de Picasso, die bitten ließen, den neuen Rasen nicht zu betreten.

Auch die Schausteller vom Llano de la Almazara, die ankündigten, dass sie Punkt neun die Musik aufdrehen. Das Reinigungsteam um halb sieben morgens, mit Stimme voller Schlaf und Stolz: „Calzada fertig, over.“ Die Taxifahrer, die fragten, wie man zum Convento hineinkommt, ohne zu stören. Die Feuerwehr mit ihrem allabendlichen „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Und dann waren da die anderen, die nicht einmal ein Funkgerät hatten, aber in jeder Nachricht vorkamen: die Leute aus den Vereinen, die Tische hinausstellten und Stühle einsammelten; die Chöre, die in jeder Ecke probten; die Tanzschulen mit ihren Tänzerinnen jeden Alters; die Peñas, die Clubs, die Bruderschaften, die Nachbarn, die ein Verlängerungskabel, ein Sonnendach oder eine Leiter ausliehen. Niemand auf dem Plakat. Alle auf der Feria.

Jetzt ist es eine Minute vor zwölf am Sonntag. Auf der Plaza de la Constitución erklingt das letzte Lied der Feria, und die Leute singen es, als wollten sie nicht, dass es endet. Die Person, die mich trägt, tritt ein wenig zur Seite, sucht eine Ecke, in der man etwas hört, hält mich an den Mund und drückt den Knopf.

„Achtung, an alle Teams. Die Feria geht zu Ende. Danke an den Aufbautrupp, die Elektriker, Ton und Licht, die Ortspolizei und die Guardia Civil, den Katastrophenschutz, Sanitäter und Feuerwehr, die Reinigung, die Fahrer, die Schausteller, die Casetas, die Freiwilligen aller Vereine. Ohne euch geht hier kein Licht an. Over.“

Ein paar Sekunden lang antwortet niemand. Dann kommen die Antworten, eine nach der anderen, überlappend wie bei einer Sevillana: „Verstanden.“ „Danke euch.“ „Bis nächstes Jahr.“ „¡Viva la feria de Torrox!“ Jemand an irgendeinem Posten traut sich, ein Stück Pasodoble zu singen. Niemand sagt etwas, und so applaudieren Funkgeräte.

Morgen lädt man meinen Akku auf und legt mich in eine Schublade, zu den Ersatzbatterien und einer Rolle Panzerband. Ich verbringe den Winter in Stille und träume von Nachrichten. Aber vorher, wie immer, die letzte.

„Over and out.“

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